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Full text of "Dichtung und Neurose. Bausteine zur Psychologie des Künstlers und des Kunstwerkes"

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Dichtung und Neurose. 



Bausteine 

zur 

Psychologie des Künstlers und 
des Kunstwerkes 



Dr. Wilhelm Stekel, 

Spezial.irzt für IVycIiothcrapio iii Wien. 



Wiesbaden. 

Verlag von J. F. Bergmann. 
1909. 



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Neuester Verlag von J. F. Oergraann in Wiesbaden. 

Das Erwachen des Geschlechtsbewusstseius 
und seine Anomalien. 

Eine p s y c h o 1 o g i s c li - p s y c h i a t r i s c h e Studie 

von Dr. med. L. M. Eötsclier iu Hubertuaburg. 

Mk. 2.-. 

£iner Erhöhung des allgemeinen Verhältnisses einer der kritischsten 
Zeiten in dem Leben des Individuums soll die vorliegende Schrift dienen. 
Während man früher nur in Dichtung und Kunst das Licbesproblem be- 
handelte, hat die Not der Zeit sowohl, wie auch eine neue Werte schaffende 
naturwissenschaftliche Dcukrichtung gewagt, auch das sexuelle Problem unter 
die Lupe der Forschung zu nehmen. Hier ist es für die vorurteilslose Natur- 
wissenschaft die allerhöchste Zeit, die Führung zu übernehmen, kann sie die 
sehende Führerin sein durch das Tor der P>kenntnis in das Land der Gesund- 
heit und der möglichsten Zufriedenheit. Wer offene Augen hat für die 
Schäden auf sexuellem Gebiete, wer sieht, wie die Jugend, Knaben und 
Müdchen, von tausenderlei Gefahren umlauert ist, wie die Psychopathien luiter 
ihr sich vermehren, wie das jugendliche Verbrechertum auch bezüglich der 
L^idenschaftsverbrechen, der Verbrechen aus ungestilltem Geschlechtshunger 
wachst, der wird das Aktuelle der K ö t s c h e r sehen Schrift ermessen, die 
mit psychologischer und psychiatrischer Fachkenntnis in die feineren seelischen 
Regungen der jugendlichen erwachenden Seele hineinleuchtet, welche zum 
ersten Male von der gewaltigen Regung der Liebe, diesem überwältigenden 
Naturtriebe, dem wir allein die Erhaltung der Art verdanken, ergriffen wird. 

Geisteskranklieit und Verbrechen. 

Von Medizinalrat Dr. Krensor- 

Mk. I.SO. 

Geisteskrankheit und Verbrechen werden hier in ihren 
wechselseitigen Beziehungen erörtert, indem der Verfasser ausgeht von seinen 
eigenen Erfahrungen bei der gerichtsilrztlichen Anstaltsbcobachtung von 
Untersucliungsgcfangenen auf zweifelhafte Geisteszustände. Die ganze Dar- 
stellung ist berechnet auf ein gebildetes Laienpublikum, dem gewiss ein solcher 
Einblick in die wichtigsten Fragen der gerichtlichen Psychopathologie will- 
kommen sein dürfte. Zeigt sich doch ein unverkennbarer innerer Zusammen- 
hang zwischen einzelnen Krankheitsformen imd bestinmiten Rechtswidrig- 
keiten. Versucht hierfür die vorliegende Schrift die wichtigsten Gesichts- 
punkte zu erschliesscn, so hatte sie besondere Aufmerksamkeit den weniger 
offenkundigen und den schwerer verständlichen Formen von krankhaften 
Störungen der Geistestätigkeit zu widmen. 



Liebe und Psychose. 

Von Dr. iJeorg Lomor, 

11. Arzt an der Heihiustalt Nordend hi Niedor-Schunliausen bei Burlin. 
Mk. l.b'O, 

Unter den naturwissenschaftlichen Betrachtungen der Liebe dürfte diese 
besondere Beachtung verdienen, da in derselben die Beziehungen der Liebe 
zu Geistesstörungen in sehr interessanter Weise dargelegt werden. Der Autor 
schildert die Entwicklung der Liebe in allen ihren Phasen und zeigt, dass die 
seelischen Veränderungen eine gewisse Verwandschaft mit der als Paranoia 
(Verrücktheit) bezeichneten geistigen Störung aufweisen, so dass man von 
einer physiologischen Paranoia sprechen könnte. Er betont jedoch zugleich, 
dass die Liebe andererseits in sozialer Beziehur/g etwas durchaus Zweckdien- 
liches und Physiologisches darstellt. Anschliessend bespricht der Autor in 
knapper Weise die abnormen Richtungen des Liebestriebes imd die patho- 
logische Steigerung normaler Liebessymptome. 



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Zar Einleitung. 



Die nachfolgenden, stellenweise aphoristischen Ausführungen 
enthalten verschiedene Gedanken, die von den gemeiniglich anerkanten 
»offiziellen« Wahrheiten bedeutend abweichen. Da die »Grenzfragen 
des Nerven- und Seelenlebens« auch in Laienkreisen viel gelesen 
werden, möchte ich nicht den Anschein erwecken, als wäre Alles, 
was ich ausführe, allgemein anerkannt und auf Treu und Glauben 
hinzunehmen. Was ich sage, ist meine Meinung und von 
keinerlei Seite beeinflusst. Wohl ist der grosse Einschlag der 
Freudsehen Forschungsergebnisse überall zu bemerken. Allein dem 
Kundigen wird es nicht entgehen, dass ich manchmal ineine eigenen 
Wege wandle. 

Dies betone ich nur, um Missverständnissen vorzubeugen. Ich 
möchte nicht das Odium, das manche moderne Psychiater und Neu- 
rologen dem Wiener Psychologen entgegenbringen, dadurch vermehren, 
dass er für die Ausführungen aller jener Arzte verantwortUch gemacht 
wird, die von ihm zum .selbständigen Denken angeregt wnirden. — 

Ich bilde mir nicht ein, die wichtige Frage des Zusammen- 
hanges zwischen Schaffen und Nervosität vollkommen gelöst zu haben. 
Das würde entschieden eine viel grössere Arbeit erfordern, als ich 
sie zu leisten imstande bin. Eigentlich ist es der Zweck dieses 
Büchleins, die Aufmerksamkeit der Gebildeten auf dieses Thema zu 
lenken. Vielleicht findet sich dann ein Forscher, der die grosse 
Leistimg vollendet, eine vergleichende Biographie der dichterischen 
Genies zu schaffen. Mein zeitraubender Beruf gestattet mii diese 
Arbeit nicht. Was ich von dem gewaltigen Material auflesen konnte, 
sind einzelne Kleinigkeiten, sind Abfälle meiner Erholungsstunden. 



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VI Einleitung. 

Eine gi-össere Bedeutung lege ich der Analyse von »Der Traum, 
ein Leben« bei. Ich glaube damit den Weg gewiesen zu haben, den 
die psychologisch-biographische Erforschung dichterischer Werke 
gehen muss. 

Noch eine technische Bemerkung: Es emptiehlt sich, vor der 
Lektui-e des VIII. Kapitels das wundervolle dramatische Gedicht von 
Grillparzer »Der Traum, ein Leben« zu lesen. Es steht in der 
Reclamausgabe (Nr. 4385) jedermann leicht zur Verfügung. - 

Schliesslich erfülle ich die angenehme Pflicht, Herrn l)r Walter 
Frischauf für die Hebenswürdige, bibhographische Unterstützung 
dieser Arbeit meinen herzlichsten Dank abzustatten. 

Wien, im April 1909. 

Dr. Wilhelm Stekel. 



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I. 

Tolstoi kam eines Tages in seiner kleinen Volksschule auf den 
Gedanken, die dichterischen Fähigkeiten seiner Bauernkinder auf die 
Probe zu stellen. Er begann ihnen ein Märchen zu erzählen. Hess 
dasselbe, kaum begonnen, von den gespannt aufhorchenden Schülern 
fortsetzen. Der erste Versuch gelang so glänzend, dass er sich in den 
nächsten Tagen darauf beschränkte, als Zuhörer dem Spiele der Phantasie 
seiner jungen Schutzbefohlenen zu folgen. Er war ganz überrascht von 
der Kühnheit der Ausführung, der überwältigenden Phantasie, dem 
Schwünge der dichterischen Inspiration und der Schönheit der mit ver- 
einten Kräften geschaffenen Werke. Er meinte, der berühmteste Dichter 
könnte nicht so wundersame Märchen ersinnen, wie es die einfachen, 
kleinen, unerfahrenen Dorfjungen spielend zusammengebracht. . . 

Aus diesem Erlebnis lernen wir eine neue Tatsache kennen, die 
uns schon längst hätte aufdänamern sollen: In jedem Kinde steckt 
ein Dichter. Es belebt die tote Welt mit seinen Phantasiegestalten. 
Ein Stück Holz wird ihm zur Puppe, die Puppe zu einem Kinde, das 
Kind zu einem Königssohn; der Stuhl wird zur Eisenbahn, der Tor- 
bogen wird ein Tunnel , der kleine Zinnsoldat auf dem Sessel sein 
Schaffner. Und nun reist der kleine Dichter mit unendlicher Schnellig- 
keit in die weite Welt hinaus. Er kostet in einer Stunde die Möglich- 
keiten von hundert Menschenleben. Das Kind lebt wie jeder andere 
Künstler in einer von ihm erschaffenen „zweiten*^ Welt „Es wäre dann 
unrecht zu meinen** — führt Freud ^) aus — „es nähme diese Welt 
nicht ernst, im Gegenteile, es nimmt sein Spiel sehr ernst, es verwendet 
sehr grosse Affektbeträge darauf. Der Gegensatz vom Spiel ist nicht 
Ernst, sondern Wirklichkeit.* 

Auch die Erwachsenen fliehen vor den grauen, sich ewig eintönig 
erneuernden Wogen der Wirklichkeit in das bunte abwechslungsreiche 
Feenreich der Phantasie. Denn der Dichter, der in jedem 
Menschen schlummert und sich im Kinde so reich offen- 
bart, stirbt in uns /niemals. Er mag in einem staubigen Winkel 
der Seele, von den Spinnfaden des Alltags überzogen, vor dem Lichte des 



i) Der Dichter und das Phantasieren. Sammlung kleiner Schriften zur Neu- 
rosenlehre. Zweite Folge. Franz Deuticke. Wien und Leipzig. 1909. 
GrenzftageD dea Kernen- und Seelenlebens. (Heft LXV.i \ 



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2 Wilhelm Stekel: 

Bewusstseins sicher, unerkannt schlummern. Heimlich im Traume der 
Nacht erwacht er zu neuem Leben, schmückt sich mit dem Purpur- 
mantel des Herrschers und schreitet stolz durch das kühne, unendliche 
Reich der Träume. Jeder Träumer ist ein Dichter Aber auch 
durch die berstenden Hüllen des Bewusstseins drängt sich der Dichter 
in das Bereich des lauten Tages. Er zaubert uns in Tagträumen alle 
jene Möglichkeiten vor Augen, die uns den Inbegriff des Glückes aus- 
machen. Freud hat recht, wenn er behauptet, , der Glückliche phanta- 
siert nie, nur der Unbefriedigte". Wo in aller Welt findet sich jedoch 
ein Glücklicher, der vom Leben nichts . zu fordern hat ? Man kennt 
das schöne Märchen vom Hemd des Glücklichen, das der König suchen 
Hess, um sichere Heilung zu finden. Lange suchten die Boten des 
Königs, bis sie einen Glücklichen fanden — und dieser Glückliche hatte 
kein Hemd. Das heisst, er lebt gar nicht, er ist nur ein Gedanke, eine 
Traumgestalt eines Dichters. Gleichgültig, ob der Dichter ein Einziger 
oder das Volk gewesen. 

Denn auch das Volk hört niemals auf zu dichten. Die Märchen 
und Mythen sind die Dichterträume des Volkes. Das Volk bleibt ewig 
ein Kind. „Der Mythus ist ein erhalten gebliebenes Stück aus dem 
infantilen Seelenleben des Volkes und der Traum der Mythus des In- 
dividuums" (Abraham^). Wir sehen also, dass die Dichtungen des 
Volkes seine Träume sind. Wie hängt das zusammen? 

Zwischen Traum und Dichtung gibt es eigentlich keine Unter- 
schiede. Wer einmal gelernt hat die symbolische Entstellungskunst des 
Traumes zu entlarven, der ist immer aufs Neue erstaunt über die hohen 
dichterischen Qualitäten, die dem Alltagsmensche q innewohnen. Der 
Traum des Alltagsmenschen entschleiert uns seine dichterischen Anlagen. 
Noch richtiger: Er entfesselt sie. 

Das haben die Dichter schon lange gewusst, ehe es die moderne 
psycho-analy tische Wissenschaft bewiesen hat. So notiert Hebbel in 
seinen Tagebüchern (3/VI 1897) „einen wunderschönen und doch grauen- 
vollen** Traum seiner geliebten Christine und bemerkt dazu: ,.Mein 
Gedanke, dass Traum und Poesie identisch sind, bestätigt 
sich nun mehr und mehr*^ Ähnliche Aussprüche finden wir bei 
Schopenhauer und Jean Paul*-'). 



*) Traum und Mythus. Schriften zur angewandten Seelenkunde. Leipzig und 
Wien 1908. Franz Deuticke. 

^) Man denke auch an die schönen Verse des Hans Sachs in den ^Meister- 

^ " „Mein Freund, das g'rad ist Dichters Werk, 

Dass er sein Träumen deut' und merk', 
(ilaubt mir, des Menschen wahrster Wahn 
Wird ihm im Traume aufgetan: 
Air Dichtkunst und Poeterei 
Ist nichts als Wahrtraum -Deuterei. "* 



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Dichtung und Neurose. 3 

Hebbel und Schopenhauer haben mit intuitivem Verständnis 
eine fundamentale Tatsache entdeckt. Traum und Dichtung sind fast 
identische psychische Mechanismen. Der Traum holt sein Material aus 
den Tiefen des Unbewussten und was den wahren Dichter ausmacht, 
ist es nicht die Eigenschaft, dass ihm die Kräfte des Unbewussten zur 
Verfügung stehen? Goethe erzählt, er habe die meisten Gedichte des 
Nachts wie im Traume niedergeschrieben ^). Von andern Dichtern kennen 
wir ähnliche Vorgänge. Die Ekstase des Künstlers, der glühende 
Schaflfensrausch, das Fieber der Produktion sind identische Zustände, in 
denen sich das Bewusstsein duröh Autosuggestion in eine Art som- 
nambulen Zustand d. h. in einen Traum versetzt. Auch das Kind 
schöpft aus dem Unbewussten. Auch das Kind hat die Gabe, mit 
wachen Augen zu träumen. 

Hier sind wir bei unsern Betrachtungen auf den Punkt gestossen, 
wo schon bei oberflächlicher Betrachtung Dichtung und Neurose zu- 
sammen treffen. Denn die Neurosen zeitigen ähnliche Zustände. Eine 
Hysterische kann aus der ihr unerträglichen Welt der Wirklichkeiten 
in das Reich des Unbewussten flüchten. Das nennen wir Ärzte dann 
einen hysterischen , Anfall**. Wir merken aus ihren leidenschaftlichen 
Bewegungen („attitudes passionnelles"), aus ihrem lebhaften Mienenspiele, 
dass sie während des Anfalles in einer Welt der höchsten Affekte ihren 
geheimen Wünschen Folge leistet. Wir wissen heute auch — und das 
danken wir den grossartigen Forschungen von Freud — dass es die Welt 
der Erotik ist, einer Erotik ohne die Hemmungen der Moral und Religion, 
ohne die Hindemisse der Ethik und der Sitte, in der die Hysterische 
während des Anfalles lebt. Lebt? Wir könnten ebenso gut sagen 
träumt! Die Hysterische erdichtet sich Situationen, die ihr das Leben 
hartnäckig verweigert oder die sie vom Leben nicht annehmen will und 
darf. Gehen wir einen Schritt weiter und wir kommen zur Erkenntnis, 
dass jeder Neurotiker die Gabe hat, in einer «zweiten** Welt zu leben. 
Er teilt seine Aufmerksamkeit zwischen Traum und Wirklichkeit. 

Auch wir Normalen haben unsere Tagträume, unsere Phantasien, 
die uns in eine zweite, schönere Welt, die Welt der Erfüllungen ent- 

') Moebius (^(ioethe" — Leipzig, J. A. Barth 1903) meint, man könne 
bei Goethe fast von ^ Zwangsdichten* sprechen. Kr sprang des Nachti? aus dem 
Bette, rannte an das Pult und schrieb, ohne nur den Bogen grade zu rücken, das 
Gedicht vom Anfang zu Ende in der Diagonale herunter. Die Feder konnte ihn 
durch das Schnarren und Spritzen aus seinem nachtwandlerischen Dichten wecken, 
deshalb griff er lieber zum Bleistift Moebius weist ebenfalls auf die nahen Be- 
ziehungen zwischen diesem Zustande und der Hypnose hin. Es sei gar kein Zweifel, 
dass die dichterische Ekstase ein Pendant der somnambulen Erscheinungen darstelle. 
Reiches Material über dieses Thema findet sich bei Behaghel ^Bewusstes und Un- 
wusstes im dichterischen Schaffen". Leipzig 1907. Dei- Aufsatz kam mir leider erst 
bei der Korrektur dieses Büchleins in die Hand. 

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4 Wilhelm Stekel; 

führen Wo liegen da die Unterschiede? Warum muss die Hysterische 
in den Anfall flüchten, während der Normale seine Phantasien vom 
Dämmerlichte eines nur schlaftrunkenen, aber nicht seiner Kritik be- 
raubten Bewusstseins bescheinen lässt? 

Das hängt nur mit dem Umstand zusammen, dass bei dem Neu- 
rotiker — wir könnten auch den populären Ausdruck „Nervösen** ge- 
brauchen — diese Phantasien dem wachen Bewusstsein unerträglich 
sind. Ja — noch mehr, seine Begehrungsvorstellungen sind ihm gar 
nicht bewusst. Er weiss gar nicht, was er sich wünscht. Seine 
Wünsche stehen im Zeichen der Verdrängung. Jeder Neu- 
rotiker leidet, wie ich es in meinem Schriftchen ^Die Ursachen der 
Nervosität* (Paul Knepler, Wien 1906) nachgewiesen habe, an einem 
„psychischen Konflikt*. Die Wünsche des Unbewussten dissonieren mit 
den Wünschen des Bewusstseins. 

Das gilt nicht nur für die Hysterischen allein, das gilt für alle 
Neurotiker. Alle Menschen leiden wohl unter dem Zwange, unerträgliche 
Vorstellungen „verdrängen** zu müssen. Dies individuelle Maß der 
normalen Verdrängung macht eben jenes Stück Neurose des Normal- 
menschen aus, das in jedem von uns nachzuweisen ist. Nennen wir 
dieses Stück die ,, latente'* Neurose. Allein die verdrängten Vor- 
stellungen des Normalmenschen haben im Laufe der Jahre ihre Affekt- 
werte vollkommen verloren. Sie treten am Tage wie blasse, blutleere 
Schemen auf oder toben sich in grotesken Sprüngen im Traume der 
Nacht aus. Beim Neurotiker hängen an den verdrängten Komplexen 
die Bleigewichte mächtiger Afffekte. Er leidet unter unerklärlichen 
Stimmungen, deren tiefste Ursache gefühlsbetonte Gedankenreihen des 
Unbewussten sind. Er ist eine gespaltene Persönlichkeit, ein disassoci^, 
ein „Zerissener** im Sinne Nestroys. Bewusstes und Unbewusstes 
stehen mit einander in grimmer Fehde. Die Verdrängung hat das Un- 
bewusste zu mächtig werden lassen. Seit den ersten Kinderjahren 
wurden alle peinlichen Afl^ekte ins Unbewusste versenkt, wurde alle 
verbotene Lust, wurden alle törichten brennenden Wünsche in fest 
verriegelten Kammern auf gespei cheii; und von der Aussenwelt abgesperrt. 
Plötzlich beginnen die unterirdischen Mächte zu grollen und sich zu 
rühren. Es pocht erst leise an den Wänden. Dann werden die innern 
Stimmen immer lauter, es dringt nach oben, es verlangt nach Licht, 
es dürstet nach Betätigung und bemüht sich die Herrschaft der Seele 
zu erringen. Die „unbewussten Komplexe** dringen ins Bewusstsein vor. 
Doch das Bewusstsein stellt sich taub und blind. Es will die Rufe 
der vergrabenen Wünsche nicht verstehen. Aus diesem Kampfe zwischen 
unbewussten Regungen und bewussten Hemmungen entsteht in Folge 
eines Kompromisses zwischen halbem Versagen und halbem Nachgeben .... 
die ,m an i feste** Neurose. 



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Dichtung und Neurose. 5 

Auch beim Künstler handelt es sich, im Grunde genommen, um 
eine Spaltung der Persönlichkeit. Auch der Künstler steht unter der 
Herrschaft der Verdrängung. Auch bei ihm zeitigt die Dissonanz 
zwischen Bewussten und ünbewussten einen psychischen Konflikt. 
Worin unterscheidet er sich vom Neurotiker? Rank^) meint: ^Die 
konstant fortgeführte Unterdrückung gewisser Triebe und die Bevor- 
zugung anderer, deren gegenseitiges Verhältnis schliesslich bei einer immer 
grösseren Anzahl der Nachkommen zur zweiten Natur geworden war, 
nötigte die Individuen zu noch geringeren Aufwänden und drängte die 
Empfindung der höchsten Not in einzelne Menschen zusammen, in denen 
die beiden Naturen noch im Kampf mit einander lagen Den Konflikt 
nun, der den Normalen nicht zum Bewusstsein kommen kann, weil er 
v^n ihnen allgemein und objektiv empfunden und die Erregung, die 
diese Empfindung auslöst, im Traum (unbewusst) abgeleitet wird, den 
erspüren diese Individuen, die Künstler, auf ihr „Ich** projiziert in 
seiner höchsten individuellen Potenz, wenn er schon überreif für 
den Traum, aber noch nicht pathogen geworden ist und 
suchen sich in Kunstwerken, die zunächsi an die Form des Mythos an- 
knüpfen, davon zu befreien. Der Künstler steht in psychologischer 
Beziehung zwischen dem Träumer und dem Neurotiker; der psychische 
Prozess in ihnen ist dem Wesen nach gleich, er ist nur graduell ver- 
schieden, sowie innerhalb der künstlerischen Begabungen selbst. Die 
hcichsten Formen der künstlerischen Menschen — der Dramatiker, der 
Philosoph, und der ,R«ligionsstifter** — stehen dem Psychoneurotiker, 
die niedrigsten Formen dem Träumer am nächsten*. 

Wir sind bisher von der Voraussetzung ausgegangen, dass der 
Dichter ein Normalmensch ist, der zum Neurotiker in einem gewissen 
Gegensatz steht Wir haben . gesehen, dass auch Rank auf diesem 
Standpunkt steht. 

Ich kann mich dieser Ansicht nicht vollkommen anschliessen. Meine 
Forschungen haben mir den sichern Beweis erbracht, dass zwischen 
dem Neurotiker und dem Dichter gar kein unterschied 
besteht. Nicht jeder Neurotiker ist ein Dichter. Aber 
jeder Dichter ist ein Neurotiker. 

Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich möchte nicht alle 
Dichter zu „kranken* Mensehen stempeln. Ich möchte nicht in den 
Fehler der Lombroso und Nord au verfallen. Löwenfeld hat in 
einer anregenden Arbeit^) den Nachweis geliefert, dass beim Genie 
von einer „Degenerationspsychose aus der Gruppe der Epilepsie *" im 
Sinne Lombrosos nicht die Rede sein könne. Die Kraft des Genies 

1) Der Künstler. Hugo Heller, Wien und Leipzig 1907. 

2) Über die geniale (»eistestiltigkeit. Mit besonderer Berücksich- 
tigung des Genies für bildende Kunst. J. F. Bergmann. Wiesbaden 1908. 



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6 W i 1 h e 1 m S t e k e 1 : Dichtung und Neurose. 

wurzelt nach diesem Autor nicht im Kranken, sondern im Gesunden. 
Doch wer könnte es wagen, die Grenzen zwischen Krankheit und 
Gesundheit zu ziehen? Wo hört das Normale auf und beginnt das 
Pathologische ? Ich habe schon anfangs betont, dass es eigentlich 
keine Normaimenschen gibt Dass in jedem Menschen ein Stück latenter 
Neurose schlummert. Gerade dieses Stück Neurose ist es, das die Grund- 
bedingungen alles Schaffens ausmacht. 



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II. 

Die Neurose beruht auf einem psychischen Stauungsprozess. Durch 
die SperrschiiFe der Hemmungen werden die brausenden Afiekte ge- 
waltsam zurückgehalten. Sie bahnen sich falsche Wege, das heisst, sie 
zeitigen neurotische Symptome. Oder sie trachten auf dem Wege der 
künstlerischen Sublimierung die Hemmungen zu überwinden. Alles 
künstlerische Schaffen ist Befreiung von überschüssigen Energien, ist 
Entlastung von drückenden Hemmungen Nirgends tritt das so deutlich 
zu Tage, wie bei der Dichtkunst. Beim Musiker verschwindet das per- 
sönliche Schicksal in einer Ausdrucksform, die wohl eine Stimmung, aber 
nie einen Gedanken ausdrücken kann. Der Maler kann Stimmungen und 
Gedanken zum Ausdruck bringen. Der Dichter legt uns in seinem Werke 
eine Analyse seiner Neurose vor. Er mag seine geheimen Gedanken 
noch so sehr verbergen wollen, es wird ihm niemals gelingen. Jedes 
Dichterwerk ist eine Beichte! 

Die geistige Abnormität der schaffenden Geister ist den Beob- 
achtern von jeher aufgefallen. Wollte man doch zwischen Genie und 
Irrsinn enge Zusammenhänge herausfinden ! Diese Hypothese, die sich 
an den Namen Lombrosos knüpft, war schon von Aristoteles 
(•Nulluni magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.") vertreten 
worden, der die Dichtergabe auf ein zu heftiges Zuströmen des Blutes 
zum Kopfe zurückführen wollte. Etwas abweichend weist Nord au einen 
Teil der modernen Poeten der Gruppe „Entartung'' zu, während die 
zeitgenössischen Psychiater und Nervenärzte einseitig die Belastung und 
die Psychose ins Treffen führen. Man identifizierte das dichterische 
Genie geradezu mit dem Wahnsinn. 

In arger Verkennung der Tatsachen wollte man das Genie als 
ein Zeichen der^ „Entartung** auffassen. Mit dem Schlagworte der 
Degeneration erkühnte man sich die tiefsten Probleme des Schaffens zu 
lösen! Was Lombroso und Nord au in ihren bekannten Werken an 
Herabsetzung von Künstlern leisteten, das grenzt schon an das Lächer- 
liche. Nichts ist kindischer, als das Unternehmen, Künstler mit dem 
(nicht existierenden!) Canon des Normalmenschen auf ihre Existenz- 
berechtigung zu prüfen. Nach N o r d a u sind sogar Richard Wagner, 
Tolstoi, Ibsen, Maeterlinck nur „Entartete Graphomanen*. 



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8 Wilhelm Stekel: 

Es ist höchste Zeit, dass das kindische Gerede von der , Entartung* 
und .Behistung- einmal ein Ende nimmt I Die Dichter sind nicht entartet. 
Sie sind neurotisch und die Neurose ist nur die Folge eines höheren 
Kulturlehens. Die Neurose ist, die Grundlage alles Fortschrittes. Sie 
drängt den Philosophen zum Grübeln, den Ei-finder zur Lösung wichtiger 
Probleme, den Dichter zur höcLsten Leistung. Die Neurose in diesem 
Sinne ist eigentlich die Blüte am Baume der Menschheit. Ohne die 
Neurotiker stünden wir heute im A-B-C der Entwicklung. 

Doch Schlagworte, die populär geworden sind, haben eine un- 
glaubliche Zähigkeit. Der geniale Dichter ist ein Geisteskranker - predigen 
alle Pathographen. (Wir betonen den Unterschied: der Dichter ist 
Seelen krank.) Was stellte* man nicht für kühne Diagnosen I Lom- 
broso sprach von „Mattoiden*' und . Graph omanen**, Nord au von Ent- 
artung (wobei er „Hysterie" immer als Entartung auffasst). Mag na n 
von „d^g^neres sup^rieurs**. Modernere Psychiater gingen noch weiter 
und stellten präzisere Diaj?nosen. 

Lber die Fonn des Wahnsinns war man sich nicht ganz klar. 
Die einen stimmten für Dementia praecox, Paranoia, die anderen für 
Cyklothymie (manisch-depressives Irresein). Möbius, der schlechtweg 
aus jedem Genialen einen Entarteten im Sinne Magnans (0 — was 
für Unheil hat dieser Mann in der Psychiatrie angerichtet !) macht, teilt 
die Genies in drei Gruppen ein, die alle der „Entartung" angehören: 
Cyklothymie, Dementia praecox und Paranoia. Er sagt: „('yklothymisch 
waren Luther, Goethe, Schopenhauer,. Cowper, Gerard de 
Nerval, an Dementia praecox erkrankten Lenz, Hölderlin, (\ F. 
Meyer, Robert Schumann, Scheffel, an Paranoia (Dementia 
paranoides) litten Tas so, Rousseau. Gutzkow.**^) Welche dürftige 
Auslese im Vergleiche zur unendlichen Kette grosser Geister! Tasso, 
Rousseau und (welche Zusammenstellung!) Gutzkow, - das sind denn 
doch zu wenig Repräsentanten einer so weit ausgreifenden Hypothese. 
Wenn man so willkürlich vorgeht, kann man auch das Schustergewerbe 
mit der Dementia praecox in Verbindung bringen. Unter einer ge- 
wissen Anzahl Menschen irgend eines Standes, werden sich immer eine 
bestimmte Prozentzahl Geisteskranker nachweisen lassen. 

Der Dichter ist kein Geisteskranker! Er ist ein seelisch abnormer 
Mensch, wie jeder Neurotiker. Sein Gehirn funktioniert in normaler 
Weise. Es zeigt sogar eine übermässige Produktionskraft. Aber 
seine Seele entbehrt des Gleichgewichtes. Ich will damit keinen 
Gegensatz zwischen Gehirn und Seele konstruieren. Der Sitz der Seele 
ist ja das Gehirn. Die Seele, in der populär gebräuchlichen Ausdrucks- 
weise als Zentrum der affektativen Vorgänge - ist nur eine der 

1) Oher Scheffels Krankheit: Carl Marhold 1907. 



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Dichtung und Neurose. 9* 

Funktionsformen des Gehirnes. Beim Neurotiker ist das Gehirn im 
anatomischen Sinne gesund, ebenso wie es seine Nerven sind. Die 
Psychose ist eine Krankheit des Intellektes und der A f fekti vität, 
(Bleuler.) Der Neurotiker zeigt nur eine Änderung der Affektivität. 
Seine Störungen beruhen nur auf einem falschen psychischen Mechanismus. 
Ähnliche Mechanismen spielen ja sicherlich auch bei der Psychose eine 
Rolle. Aber gewisse Unterschiede sind in groben Umrissen doch her- 
vorzuheben. Ein Geisteskranker hat die Kritik für seinen Wahn ver- 
loren. Von seinem Geiste führt keine Brücke ins Reich der, Wirk- 
lichkeiten. Der Seelenkranke erscheint uns nur bei oberflächlicher 
Betrachtung als verrückt. Seine uns unverständlichen Zwangshandlungen 
sind im Unbewussten logisch motiviert. Die Brücke ins Reich der 
Wirklichkeiten ist vorhanden. Sie ist nur vom Nebel eingehüllt und 
von der Ferne nicht sichtbar. Übrigens haben Jung und lange vorher 
Freud diese Brücken auch für den Wahnsinn („dementia praeGOX**) 
nachgewiesen. Es gibt ja auch Krankheiten, wie z. B. die , Melancholie", 
die an der Grenze zwischen den Neurosen und Psychosen stehen. 

Leider hat unsere unsinnige Nomenklatur eine scharfe Scheidung 
von Seelen und Geisteskrankheiten erschwert. Es ist ein längst über- 
wundener Standpunkt, bei den sogenannten „nervösen Menschen" 
immer von Nervenleiden zu sprechen. Die .Nerven" als solche 
haben mit dem Zustand, den wir als Nervosität bezeichnen, nichts zu 
tun. „Die Nerven selbst" — sagt Strümpell^) treffend — „sind nur 
Leitungsbahnen, die zwar auch erkranken können, die aber hei den- 
jenigen Erscheinungen, die wir nach dem ärztlichen Sprachgebrauch 
als „nervös" bezeichnen, meist gar nicht oder in nur untergeordneter 
Weise beteiligt sind. Der Briefträger ist nicht verantwortlich für den 
Inhalt der Nachricht, die wir ihm zur Besorgung mitgeben : er ist auch 
unschuldig an dem Eindruck, den eine durch ihn erhaltene Nachricht 
heiTorruft. • 

Der Name „Neurose" besagt daher gar nichts vom Wesen der 
Krankheit. Viel treffender ist die von Freud verwendete Benennung 
Psycho-Neurose, welche auf diese Weise die seelische Störung 
berücksichtigt. 

Freilich passt dann die Bezeichnung , Psychose" für die Geistes- 
krankheit nicht vollkommen. Denn Psychose' heisst ja die Seelen- 
krankheit und die Nervösen sind ja alle ebenfalls seelenkrank. - Der 
Geisteskranke ist ja sicherlich auch seelenkrank. Aber was das Wesen 
seiner Krankheit ausmacht ist der Umstand, dass der „Intellekt", der 
„Geist" gestört erscheint. 

^) ^Nervosität und Erziehung"'. Leipzig, F. C. Vogel. 1908. 



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10 Wilhelm Stekcl: 

Man raüsste eine neue Benennung anführen. Alles was wir bisher 
„Nervosität** genannt haben, was ja nur eine Störung der Affektivität 
darstellt, wäre als „Parapathie*" zu bezeichnen; alle Geisteskrank- 
heiten, bei denen sich der Intellekt in den Dienst des Affektes gestellt 
hat, als „Paralogie" 

Doch neue Namen bürgern sich schwer ein. Wir wollen daher bei 
unseren Ausführungen die alte Nomenklatur, aber im andern Sinne 
verwenden. Unter der „Neurose" verstehen wir also die Psycho- 
Neurose Freuds, die Psychasthenie Janets und unter einer Psychose 
eine Störung des Intellektes. 

Die Neurose hängt auf das innigste mit den infantilen Erleb- 
nissen des Individuums zusammen. Sie ist nur zum kleinsten Teile eine 
Folge der erblichen Belastung. Sie ist zum grössten Teile eine Folge 
der Belastung durch das Milieu. 

Wächst der Mensch in einer Umgebung auf, die ihn zur perma- 
nenten Verdrängung nötigt, die ihm einen aufreibenden Kampf gegen 
seine Triebe auferlegt, so entsteht, eine gewisse konstitutionelle Anlage 
vorausgesetzt — eine Neurose. Bei der Psychose haben die verdrängten 
Vorstellungen die Hemmungen des Bewusstseins überwältigt. Das Un- 
bewusste hat sich des Bewusstseins bemächtigt. Der psychotische Mensch 
hat die Brücken zur Aussen weit abgebrochen und sich auf seine ob- 
sedierenden „Komplexe*" zurückgezogen. Die „überwertige" Idee hat 
alle anderen Ideen verjagt Die Psychose ist nur das äusserste Extrem 
der Neurose; während die Neurose den Kampf zwischen Trieb und 
Hemmung, zwischen Begierde und Untei^drückung, zwischen Wunsch 
und Angst darstellt, zeigt uns die Psychose den Frieden des Kirchhofes. 
Natürlich jene Grenzfölle ausgenommen, die zwischen Neurose und 
Psychose stehen. 

Das Genie jeder Art verrät eine gewisse — oft scheinbare -~ 
Verwandtschaft mit beiden Formen, Neurose und Psychose. Man wollte 
es mit der .Entartung" in einen Zusammenhang bringen. Aber das 
Schlagwort von den „Psychopathologischen Minderwertigkeiten* fügt 
sich schlecht zur Vorstellung der Alles überragenden Genies. Trotz- 
dem hören wir immer wieder von dem Zusammenhang zwischen „Genie 
und Wahnsinn" — höchster „ Schöpf erkijaft" und „Entartung". 

Die Psychoneurosen zeigen uns einen bestimmten Mechanismus 
der Entstehung, bei dem infantile sexuelle Traumen, Verdrängungen 
(unbewusste Komplexe) und psychische Konflikte eine grosse Rolle 
spielen. Aber was wir bisher von dem psychischen Mechanismus der 
Psychosen erfahren haben, das weist auf gleiche Ursprünge, wie die 
Neurose. Die Anfänge beider Leiden sind fast die gleichen Freilich nach 
kürzerer oder längerer Zeit gehen die Wege auseinander Noch wissen 
^ir nicht, warum bei gleichen Ursachen aus dem einen Fall eine Neurose. 



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Dichtung und Neurose. H 

aus dem andern eine Psychose wird. Jung^) meint, bei der Dementia 
praecox komme noch irgend eine Giftwirkung in Betracht ; andere werden 
auf das somatische Entgegenkommen, die Konstitution, mehr Gewicht 
legen. Vielleicht wird im Sinne Buschans*), der bei Genies so oft die 
Sagittalnaht offen fand, die Anpassungsfähigkeit des Schädels an das 
Wachstumbedürfnis des Gehirns eine gewisse Rolle spielen. Buschan 
fasst den Metopismus, d. i. das Auftreten einer persistierenden Stimnaht 
als sichtbaren Ausdruck einer stärkeren Entwicklung des Gehirnes auf. 
Die Stirnnahtschädel neigen alle zur Brachjkephalie. Nun hat gerade 
Buschan den Nachweis geliefert, dass die Kurzköpfe die geistig superioren 
Individuen darstellen. Besitzer metopischer Schädel müssen nach diesem 
Autor Personen gewesen sein, die sich weit über das geistige Niveau 
ihrer Mitmenschen erhoben haben. Nach Mühlmann ^) wächst das 
Gehirn bis zum 20. Lebensjahre kontinuierhch. Bei geistigen Arbeitern 
natürlich mehr, als bei den anderen Menschen. Die offen gebliebene 
Sagittalnaht dürfte ein grösseres Wachstum gestatten. 

Die Neurose stellt offenbar an das Gehirn grosse Anforderungen. 
Man kann beispielsweise garnicht die ungeheure Denkarbeit eines an 
Grübelsucht Leidenden ermessen; er leistet ja eigentlich dasselbe wie 
ein Philosoph. Er ist manchmal ein Philosoph. Nun dürfte diese 
grosse geistige Arbeitsleistung ein stärkeres Wachstum des Gehirnes 
bedingen. Kann sich der knöcherne Schädel diesem Wachstum akko- 
modieren, so bleibt es bei der Neurose. Besteht ein räumliches Miss- 
verhältnis, so muss es unfehlbar zur Psychose kommen. Es ist jeden- 
falls auffallend, dass so viele Fälle von „Dementia praecox** ein plötz- 
liches Versagen um das zweite Jahrzehnt herum zeigen. Man müsste 
freilich, um diese Hypothese zu beweisen, an einem grösseren Materiale 
die Beziehungen von Schädelkapazität und Psychose untersuchen. Be- 
sonders wäre darauf Rücksicht zu nehmen, ob ein metopischer Schädel 
tatsächlich das Zustandekommen einer Psychose erschwert. Bei Kant 
ist diese Sagittalnaht konstatiert worden, ebenso bei Gauss. Der 
Metopismus wäre das somatische Entgegenkommen der Natur, das dem 
Gehirn des Genies die notwendige Wachstumsfähigkeit verbürgt. Doch 
dies ist ja nur eine Hypothese . aber ich will es gleich betonen, 
eine Hypothese, die ich für die wahrscheinlichste halte. Vielleicht 
spielen noch gewisse Störungen der inneren Sekretion (Geschlechts- 
drüsen, Schilddrüse u. s. w.) eine gewisse Rolle, in dem Sinne wie ich 
es für die Angstneurose und Angsthysterie angenommen habe.M 

1) Zur Psychologie der Dementia praecox. Halle a S. 1906. 

^) (Tehirn und Kultur. AViesbaden. J. F. Bergmann 1906. 

^) Über die Ursachen des Alters. (4rundzüge einer Physiologie des Wachstums. 
Wiesbaden, J. F. Bergmann 1900. 

^) Dr. Wilhelm Stekel, Nervöse AngstzustJUide und ihre Behandlung. 
Wien 190«. 



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12 Wilhelm Stokel: 

Leider entspricht es dem modernen Zug der Psychiatrie, verschiedene 
neurotische Störungen dem Irresein zuzurechnen. Man spricht von 
neurasthenischem Irresein, von einer Angstpsychose; Zwangsneurotiker 
gelten als Wahnsinnige, während die Erfahrungen der Psychoanalyse 
zeigen, dass bei diesen Krankheiten von einem «Wahn** keine Rede 
sein kann, da sie doch volle Krankheitsein sieht aufweisen und die 
„überwertigen Ideen** durch die Psychoanalyse auf ihren normalen 
Wert zurückgeführt werden können, indem man sie ihrer Affekte 
beraubt. Was- den Dichter ausmacht, ist eben nur die Neurose, nicht 
die Psychose. Die Psychose bedeutet das Aufgeben des Kampfes 
mit den Kräften des Unbewussten. Der Intellekt hat sich 
vom Affekt unterjochen lassen. Er kann nicht mehr 
urteilen. Er kann nur dienen. 

Wir werden später ausführen, wie die Neurose dem Dichter die 
Feder in die Hand drückt, und dass es seine persönlichen Konflikte 
sind, die er durch die Kunst poetischer Darstellung sublimiert. Dichten 
ist eigentlich ein Heilungsprozess durch Autoanalyse. Die von uns 
nach Freud angewandte psychoanalytische Heilungsmethode der Neu- 
rosen beruht darauf, dass die unbewussten Komplexe bewusst gemacht, 
alte, am Schlammgrund der Seele verankerte Affekte gelockert und 
entfernt, die psychischen Konflikte aufgelöst werden. Der Dichter 
befreit sich von seinen ihn bedrängenden Komplexen, Affekten und 
Konflikten durch das Dichtwerk. Diesen Gedanken drückt ja Heine 
aus, wenn er sagt: „Oder ist die Poesie vielleicht eine Krankheit des 
Menschen, wie die Perle eigentlich nur der Krankheitsstoff ist, woran 
das Austerntier leidet?** (Romanti.sche Schule.) Und (irillparzer,. 
der tiefer als jeder andere Dichter in die Zusammenhänge zwischen 
Neurose und Dichtung geblickt hat: 

-Dichten Iioisst denn freilich eben 
Im fremden Dasein eig'ne« leben." 

Viel formvollendeter drückt er diesen Gedanken in dem wunder- 
schönen „Abschied aus Gastein- aus: (Man merke übrigens die Ähn- 
lichkeit mit dem Gedanken Heines.) 

,Und wie die Perlen, die die Schönheit schmücken. 

Des \\ a^serreiches wasserhelle Zier. 

Den Finder, nicht die (leberin beglücken. 

Dil« freudenlose stille Muscheltier: 

Denn Krankheit nur und langer Schmerz entdrücken 

Das heissgesuchte traur'gc Kleinod ihr. 

Und was euch so entzückt mit seinen Strahlen 

Ks ward erzeugt in Todesnot und Qualen. 

Und am Schlu.sse des Gedichtes : 



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Dichtung und Neurose. 13 

Wh« ihr für Lieder haltet, es sind Klagen. 
Oeaprochen in ein freudenloses All: 
Und .Flammen, Perlen, Schmuck, die euch umschweben. 
(1 e 1 ö s t e Teile s i n d 's von seinem Leben. 

Wir sehen hier klar den Gedanken ausgesprochen, 

dass Alles, was die Dichter gestalten, nur aus einer 

Quelle stammt: aus dem Unbewussten; dass die Neurose 

die Göttin ist, die ihnen die Gabe gibt, zu sagen, was sie 

eiden. 

Haben wir uns im allgemeinen über den Zusammenhang zwischen 
Dichtung und Neurose verständigt, so sind wir eigentlich noch den Beweis 
für diese Behauptungen schuldig Wir müssen erst die Symptome der 
Neurose schildern und untersuchen, ob sich diese Symptome bei den 
Dichtern wiederlinden. Dann erst erwächst uns die Pflicht an der 
Dichtung nachzuweisen, dass sie ihre spezifische Form nicht nur den 
Anregungen von aussen, sondern auch der Neurose verdankt. 

Gerade auf dem Gebiete der Neurosen herrscht in Deutschland und 
in der ganzen Welt eine fürchterliche Verwirrung. Gemeinighch versteht 
man unter „nervös" nur „neurasthenisch" und jeder Mensch, der einige 
nervöse Symptome zeigt, wird zum „Neurastheniker" gestempelt. Nicht 
grundlos wandte sich Möbius gegen diese schablonenmäßige Ver- 
wendung der Diagnose „Neurasthenie*. Nach meinen P]rfahrungen ist 
die echte Neurasthenie eine sehr seltene Krankheit. Viel häufiger finden 
sich Angstneurose, Angsthysterie, Konversionshysterie, und Zwangsneurose. 
Doch wir wollen hier nicht gelehrte Abhandlungen über die verschiedenen 
Formen der Neurosen vorbringen. Alle meine Untersuchungen der ver- 
schiedenen Künstler und Dichter ergeben immer ein und dasselbe 
Resultat. Überall lässt sich ein sicherer Untergrund von Hysterie 
nachweisen. Diese Krankheit, deren enorme Verbreitung beim weib- 
lichen Geschlechte den ältesten Beobachtern aufgefallen ist, tritt auch 
bei Männern meistens in einer typischen Form auf, die ich auf den 
Vorschlag Freuds „Angsthysterie" bezeichnet habe. Im Mittel- 
punkte dieser Krankheit steht die Angst, welche sich in verschiedenen 
Ausdrucksformen äussern kann und die durch Verdrängung der sexuellen 
Triebkräfte entstanden ist. 

Doch was ist Hysterie? Seit wir die psychische Struktur der Neu- 
rosen kennen gelernt haben, wissen wir, dass es die vom Bewusstsein 
abgespaltenen, aflPektbetonten Komplexe sind, die das seelische Gleich- 
gewicht stören. Hysterie ist eigentlich nur eine der besonderen der 
Ausdrucksformen der Verdrängung. Diese Spaltung des Bewusstseins 
äussert sich in einer Reihe von Symptomen, Angstzuständen, Zwangs- 
vorstellungen, körperlichen Erscheinungen, die dem Bewusstsein unver- 



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14 Wilhelm Stekel: Dichtung und Neurose. 

ständlich sind. Die hysterischen Symptome sind Schöpfungs- 
akte des Unbewussten. 

Für das dichterische Schaffen gilt das gleiche Gesetz. Der Dichter 
schaflFt aus dem Unbewussten und nur deshalb ist es ihm möglich, so 
viele Gestalten verschiedener Natur wahrheitsgetreu darzustellen, so 
verschiedenen Gefühlen vollkommen Rechnung zu tragen. Der gewöhn- 
liche Neurotiker erkrankt,*^ weil er die aus dem Triebleben aufsteigenden 
Kräfte gewaltsam verdrängt. Er erstickt an seinen Verdrängungen. 
Aber der Dichter befreit sich von seiner Neurose, weil er wie ein 
Vulkan die zurückgedämmten Feuerfluten nach aussen wirft. 



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III. 

Die moderne psychoanalytische Behandlung erzielt eine Heilung 
der Kranken dadurch, dass sie ihnen das unbewusste Seelenleben bewusst 
macht, ihnen gewissermaiäen «len geheimen Verbrecher im Innern ad 
oculos demonstriert. Der Dichter vollzieht diese Psychoanalyse an 
seinen dichterischen Gestalten. Er hält sich in fremden Bildern einen 
Spiegel seiner Seele vor. Er lässt sein wildes Triebleben in bunten 
Phantasiegestalten ein selbstherrliches Leben fuhren und sich austoben. 

Alle Neurotiker erkranken eigenthch an deniMissverhältuis zwischen 
ihrem reichen Triebleben und der mangelnden Gelegenheit, dasselbe zu 
betätigen. Das harte Leben zwingt sie, ihre Triebe zu verdrängen. Der 
Dichter hat schon die Wurzeln der Neurose, das übermächtige Trieb- 
leben, mit dem gewöhnlichen Neurotiker gemein. Mit dem gewaltigen 
Urtriebe, dem Geschlechtstriebe, steigen alle andern Triebe über alle 
Hemmungen der Kultur empor. Das Volksbewusstsein quittiert diese 
Tatsache, indem es den Künstlern eine gewisse Sexualfreiheit einräumt, 
die es dem Durchschnittsmenschen nicht verzeiht. Eine Künstlerin kann 
sich Freiheiten herausnehmen, die für eine Kautmannsfrau den ^ bürger- 
lichen Tod** bedeuten würden. 

Dieses reiche Triebleben können wir bei allen Dichtern schon in 
der Jugend beobachten. Freilich — über der Jugend der meisten 
Dichter liegt ein trüber Nebel. Die wenigsten haben den Mut gehabt, 
sich zu sich selbst zu bekennen. Wie weit wären wir in unserer 
Erkenntnis, wenn wir lauter Jean Jacques Rousseau s hätten I In 
seinen ^Confessions" gesteht er: „Gross ist die Macht meiner Leiden- 
schaften und wenn sich dieselben in mir regen, kenne ich keine Rück- 
sichten und keine Liebe mehr. Den Gegenstand meiner Erregung 
bemerke ich kaum. Ein Bogen Zeichenpapier übt auf mich eine grössere 
Anziehungskraft aus, als der Anblick des Geldes, mit dessen Hilfe ich das 
Papier erwerben könnte. Sehe ich einen Gegenstand, so bin ich in Ver- 
suchung, mir denselben anzueignen ; das Mittel hingegen, mit dessen 
Hilfe ich in den Besitz jenes Gegenstandes gelangen könnte, reizt mich 
nicht. — Selbst jetzt noch ziehe ich vor, mich ohne weiteres irgend 






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16 Wilhelm Stokel: 

•einer unbedeutenden Sache, die mir vor Augen kommt, zu bemächtigen, 
als den Besitzer um dieselbe zu bitten."^) 

Goethe, über den wir noch sprechen werden, sagte einmal zu 
Eckermann: ,Die Hauptsache ist, man lerne sich selbst beherrschen. 
Wollte ich mich ungehindert gehen lassen, so läge es wohl in mir, 
mich selbst und meine Umgebung zu Grunde zu richten.* 

Da ich die Absicht habe, an einem grössern Werke von Grill- 
parzer („Der Traum ein Leben**) die Beziehungen zwischen den Gestalten 
•der Dichtung und den Konflikten der Neurose nachzuweisen, will ich 
vorwiegend auf diesen Dichter Bezug nehmen, und die andern nur in 
bescheidenem Maße berücksichtigen. Vom jungen Grill parzer wissen 
wir verhältnismälaig viel. Er selbst hat uns manches interessante Detail 
in seinen Tagebüchern mitgeteilt. Er teilte das Los aller Genies. Ihm 
war ein überreiches Triebleben beschieden! 

Geradezu erschütternd wirkt Grillparzers Geständnis über die 
Stärke seiner Triebe. (Tagebücher, S. 3, Nr. 6.) Diese nachfolgenden 
Aufzeichnungen stammen aus dem siebzehnten Lebensiahre. Was muss 
der Vielgequälte bis dahin mitgemacht haben! 

Doch lassen wir dem jungen Grillparzer das Wort: 

„Bin ich ein guter Mensch oder nicht?" Ich wage nicht, diese 
Frage zu entscheiden. Manchmal bilde ich mir zwar ein, gut zu sein, 
aber in der nächsten Minute belehrt meine Erfahrung mich des Gegenteils. 
Ich gebe oft Armen Geld, man könnte sagen: also bist du wohltätig! 
Aber das bin ich nicht, denn ich fühle, dass ich durch einen Dritten 
niemanden unterstützen würde — oder doch wenigstens sehr schwer. 
Ich gebe oft, um mir Überlästige vom Halse zu schafl'en, ja sogar, um 
mich selbst zu betrügen, wenn ich mir Hartherzigkeit und Lieblosigkeit 
vorwerfe. — Ich bin nicht freigebig, obschon ich viel mehr, vielleicht 
als hundert andere weggebe, denn ich gebe nicht unter allen Umständen ; 
nicht jede Sache! Ich würde ohne anzustehen, meinem Bruder die 
Hälfte meines Geldes geben, aber ich würde mich vielleicht nie ent- 
schliessen, eine mir sehr angenehme Sache ihm zu überlassen. Ich bin 
nicht aufrichtig, oder bin es nur dann, wenn ich es zuviel bin. Ich 
kann meinem Freunde manches hinterlistig verbergen, kann wohl gar 
in seiner Abwesenheit über ihn spotten, ihn lächerlich machen und ich 
schäme mich's zu sagen, ich habe schon sogar Maillern, der mir 
doch, einst wenigstens, sehr zugetan war — verleumdet, gegen einen 

J) Es ist ja bekannt, dass Jean Jacques Flagellant und Masochist ge- 
wesen. Auch sonst scheint die anale Zone bei ihm im exhibitionistischen Sinne 
eine grosse Rolle gespielt zu haben. Er suchte dunkle Alleen und abgelegene Orte 
auf und entblösste sich vor weiblichen Personen. .„Was sie zu sehen bekamen* — 
gesteht er — «war nicht der unzüchtige (iegenstÄnd. der lächerliche wars. 
Das törichte Vergnügen ihn zu zeigen, war unbeschreiblich.'' 



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Dichtung und Neurose. 17 

Menschen, den ich kaum halb kannte, Mutmaßungen geäussert, von 
deren Grundlosigkeit und Falschheit ich völlig überzeugt war! - Würde 
ich vielleicht einem wahren Freunde, wenn ich einen fönde, nicht so 
begegnen? — Ich weiss es nicht; aber selbst bei Mailler war es 
niederträchtig gehandelt. — Mir mangeln aber nicht nur die meisten 
guten Eigenschaften, nein, die bösen^^die lasterhaften haben bei mir ein 
so grosses Übergewicht, dass ich oft vor mir selbst zurückschaudere. 
Ich lüge, und nicht etwa des Scherzes willen, nein, es ist Neigung, 
Wohlgefallen an der Lüge. Ich habe einen beinahe unüberwindlichen 
Hang zum Diebstahle, den nur mein Ehrgefühl, das so fein ist, dass 
es fast in Unsinn ausartet, bezähmen kann. Ich kann, wenn ich in 
Geldverlegenheit bin (doch auch nur in dem Falle), zu Hause nichts 
sehen, ohne dass in mir die Lust erwacht, es zu entwenden. Ich bin 
rachgierig und zwar so, dass ich ausser mir selbst komme, wenn ich 
diese Leidenschaft nicht in vollem Maße befriedigen kann. Ich glaube, 
dass nach mir zugefügter Beleidigung Unmöglichkeit der Rache mich 
töten würde. Diese Leidenschaft äussert sich besonders, wenn Eifersucht 
ins Spiel kommt. Diese letzte ist trotz allen übrigen, dennoch die 
heftigste in meinem Herzen, so dass weder Liebe noch Wollust, die doch 
von ausserordentlicher Stärke sind, ihr die Wage halten können. Eifer- 
sucht schliesst bei mir ganz den Gebrauch der Vernunft aus und ich 
schäme mich, wenn ich zurückdenke auf einige Beispiele, die mich 
wirklich zur Klasse der wilden Tiere herabsetzen. Ein eifriges Gespräch 
der Geliebten mit einem Fremden setzt mich in Wut, ihr Lob aus einem 
fremden Munde macht mich den Lobenden hassen ; wenn sie eines andern 
Mannes mit einiger Wärme erwähnt, ist es um die Ruhe meiner Seele 
geschehen. Ich weiss, wass ich litt, als ich Theresen liebte; jene Zeit 
war zwar die süsseste, aber auch die qualvollste meines bisherigen 
Lebens. 

Jeder Blick eines Fremden versetzte mich in Wut gegen den sie 
Anblickenden. Nie aber zeigte sich diese Leidenschaft bei mir fürchter- 
licher, verabscheuungswürdiger, als da einst K . . Antoinetten küssen wollte. 
Ich vermag es nicht, meine Empfindung damals zu beschreiben. Ich 
bebte und zitterte, wie einer, den das Fieber schüttelt, meine Zähne 
waren zusammengebissen, meine Hände geballt! — Ich wünschte sehr, 
ich könnte das Andenken jenes Tages aus meinem Gedächtnis verwischen ! 
Ich bin überzeugt, dass ich eine Untreue der Geliebten blutig (obschon 
Mut nicht eine hervorstechende Eigenschaft meiner Seele ist) rächen 
würde. Unbegrenzt wie meine Eifersucht ist mein Hang zur Liebe und 
Wollust. Es ist sonderbar, wie sehr diese ))eiden Triebe in meinem 
Herzen abgesondert sind ; wo ich den einen empfinde, ist für den andern 
kein Raum. Als ich Theresen liebte (und sie liebte ich reiner, als ich 
vielleicht je noch lieben werde), wusste ich nie, dass sie einen schönen 

Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LXV.) 2 



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18 Wilhelm Stekel: 

Busen habe und das ist doch wahrlich viel bei mir gesagt. Bei 
Antoinetten bemerkte ich dies allerdings, auch war meine Leidenschaft 
nichts weniger als sehr geistig. Wenn ich N . . sehe, denke ich an 
nichts als an die — Schäferstunde. Wenn ich liebe, liebe ich so, wie 
vielleicht noch niemand oder doch nur sehr wenige geliebt haben ; mein 
Gefühl lässt sich nicht beschreiben, mit nichts vergleichen. Ich fühle 
wirklich körperliche Schmerzen dabei : mein Herz schmerzt als ob es 
brechen wollte; auch sonderbar, nur so lange ich unglücklich liebe, 
steht meine Leidenschaft auf diesem hohem Grade, bin ich einmal erhört, 
(ich verstehe darunter nicht so viel als: habe ich genossen, nein nur: 
habe ich Gegenliebe erhalten), dann nimmt meine Liebe ab, wie die 
Gegenliebe wächst und allmählich erkalte ich. Wie mit der Liebe, geht 
es auch mit meinem Hange zur Wollust; nur so lange ich Widerstand 
finde, ist er brennend, findet er Erhörung, so ist er vernichtet. Sonderbar ! 
Der Wollust kann ich am meisten unter allen meinen Leidenschaften 
Widerstand entgegensetzen, wenn mich anders der Reiz dazu in unbe- 
fangener Stimmung antrifft; wäre aber bereits meine Phantasie in Be- 
wegung, dann — stünde ich für nichts. In den Monaten März und 
Mai wünsche ich um meinet- und ihretwillen, keinem Mädchen mit mir 
im Grünen, besonders abends, allein zu sein. Mich stinmit überhaupt 
nichts mehr zur Liebe oder (je nachdem die Umstände sind) zur Wollust 
als ein schöner Abend im Freien, besonders im Mondenschein ; an einem 
schönen Morgen ist das ganz anders; dieser begeistert mich und erhebt 
mich über alle Leidenschaften. Ich glaube nicht, dass ich an einem 
schönen Morgen mit rachgierigen oder wollüstigen Gedanken die Sonne 
aufgehen sehen könnte. 

Einer meiner Hauptfehler ist auch noch der Neid; und seiner 
schäme ich mich am meisten. Der Neid äussert sich besonders dann, 
wenn ich ein gutes Gedicht eines andern oder überhaupt eine vollkonmieiie 
Schrift lese ; jedes Wort, jeden Gedanken suche ich niedrig kleinlich zu 
schmähen. 

Ich will nun abbrechen, denn ich sehe, dass ich warm werde/ 

Wohl selten hat ein Dichter über sein Triebleben mit grösserer 
Aufrichtigkeit gesprochen. 

In seiner heimlichen Weise und versteckter hat Gottfried 
Keller über seinen Stehl trieb ^) im „Grünen Heinrich" berichtet. 

Ich verweise hier nur auf die Kapitel „Kinder verbrechen* und 
„Frühes Verschulden*". Es ist gar kein Zweifel, dass Keller seine 
Jugenderinnerungen und seine Diebstähle schildert. Auch in „Leute 

1) Ich habe in einem Aufsätze „Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie* (Monats- 
hefte für Sexualwissenschaft, S. 190, Heft 9) den Nachweis geliefert, dass es sich 
bei diesen Diebstählen meistens um eine „verbotene" Handlung handelt, die gewisser- 
maßen in symbolischer Form einen verbotenen sexuellen Akt ersetzen soll. 



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Dichtung und Neurose. 19 

von Seldwyla'^ erwähnt er, wie Frau Amrain die Verfehlungen ihres 
Jüngsten mit milder Einsicht behandelte. Sie machte keine Katastrophe 
draus. ,Dies alles pflegt sonst gerne entgegengesetzt behandelt zu 
werden. Wenn ein Kind mit Geld sich vergeht oder gar etwas irgendwo 
wegnimmt, so befällt die Eltern und Lehrer eine ganz besondere Furcht 
vor einer verbrecherischen Zukunft, als ob sie selbst wüssten, wie 
schwierig es sei, kein Dieb oder Betrüger zu werden." 

In ähnlicher Weise äussert sich Dostojewsk j,^) der geniale 
russische Psychologe. In einem Briefe an einen Bankbeamten, der eine 
grosse Unterschlagung verübt hatte, bemerkt er: ,Ich bin selbst nicht 
besser wie Sie und wie jeder andere beliebige Mensch.** In einem 
anderen Briefe klagt er: ,Am schlimmsten aber ist es dass 
meine Natur in der Tat niedrig und zu leidenschaftlich ist." 
Er spielte sehr gerne Karten und in der Kindheit immer falsch. Sein 
Bruder erzählt: „So gelang es Feodor immer durch seine Handfertigkeit, 
die andern zu hintergehen, wenn er auch mehrmals dabei ertappt wurde." 

Er fühlte sich als das , letzte, elendste aller Geschöpfe". Das zeigt 
natürlich von einem enormen Schuldbewusstsein, wie wir es ja nur bei 
Neurotikern finden, die gegen die gewaltig anstürmenden Triebe einen 
heroischen Kampf ausfechten. Jeder Neurotiker ist eigentlich ein Ver- 
brecher — ohne den Mut zum Verbrechen. Wir werden natürlich ver- 
stehen, warmn gerade Dostojewsky den „Raskolnikow" und die „Brüder 
Karamasof** schreiben musste. — — — 

Auch Swift schrieb Bekenntnisse eines Diebes. 

Der Drang zum Bösen ist bei allen Dichtem ausserordendlich 
stark ausgeprägt. Wenn wir wissen, dass alle Neurotiker auf dem in- 
fantilen Standpunkte stehen bleiben und daas sie eigentlich wie alle 
Bjnder die Keime zu allen Verbrechen in sich tragen, wird uns diese 
Erkenntnis nicht Wunder nehmen. 

Doch lassen wir noch einige Dichter Revue passieren. 

Hebbel, der es wusste, „dass dem Dichter das Geheimnis des 
Lebens vertraut ist, weil er instinktiv jede Existenz in ihrer Wurzel 
und jedes Moment einer Existenz in seinen allgemeinen und besonderen 
Bedingungen ergreift," sagt von sich als Zwanzigjähriger: „Wenn ich 
oft schon den Schlüssel zu meinem Herzen in der Hand 
habe, so schaudere ich zurück". An anderer Stelle sagt er von 
Byron: „Er wäre vermutlich kein so grosser Dichter geworden, wenn 
er kein so grosser Sünder gewesen wäre." Er kennt auch das Ge- 
heimnis des Trieblebens, wenn er sagt: „Es ist erstaunlich, wie weit 
man alle menschlichen Triebe auf einen einzigen^) zurückführen kann." 

1) Die Krankheit Dostojewskys. Eine ärztlich-psychologische Studie von Dr. 
Tim. Sigaloff. München 1907. Ernst Reinhardt. 
'-*) Offenbar meint Hebbel den Sexualtrieb. 

2* 



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20 Wilhelm Stekel: 

Obgleich ihn der „Schauder** vor sich selbst den Ruf abpresst: „0 — 
wie oft flehe ich aus tiefster Seele : o Gott, warum bin ich, wie ich bin ! 
Das Entsetzlichste!" — - erkennt er doch begreifend und verzeihend 
das Wesen der modernen Psychoanalyse: „Menschliche Verhältnisse 
haben nur so lange Peinliches für mich, als ich sie nicht durchschaut, 
als ich nicht erkannt habe, dass sie auf der Natur basiert sind." Er ist 
hypochondrisch wie Grillparzer, Lichtenberg. Goethe und die meisten 
Dichter. „Mein Leben ist ein tolles Gemengsei von Rausch und ekler 
Nüchternheit. Als die Aufgabe meines Lebens betrachte ich die 
Symbolisierung des Innern!" 

Hebbel weiss, dass Dichten nur Geständnis ist. Er sagt: „Nie- 
mand schreibt, der nicht seine Selbstbiographie schriebe 
und dann am besten, wenn er am wenigsten darum weiss." 

Auch seine übergrosse Sinnlichkeit wird ihm als die Quelle alles 
Schaffens klar: „Gewiss ist die Sinnlichkeit die Klaviatur des Geistes* 
und der herrliche Satz: „Sinnlichkeit! Symbolik unstillbarer geistiger 
Bedürfnisse" (Meistens verkehrt sich das Verhältnis: Die geistigen Be- 
dürfnisse sind die Sublimierung unstillbarer Sinnlichkeit.) 

Der Sexualtrieb erwacht bei Dichtern sehr früh mit ungeheurer 
Stärke. Mantegazza (Physiologie der Liebe, S. 51) sieht mit Recht 
in der frühen sexuellen Entwicklung eine Eigentümlichkeit reicher und 
bevorzugter Naturen. Diese Erfahrung kann ich bestätigen. Geistig 
frühreife Kinder sind auch sexuell frühreif. Alle Neurotiker zeigen 
schon in den ersten Kinderjahren ein reiches erotisches Triebleben. 
Gerade diese frühe Entwicklung führt zur reichen Verdrängung und 
dadurch zur Neurose. Diese Kräfte werden dann sublimiert und treiben 
die Mühlen der Kunst. 

Hebbel verliebte sich gleich Byron in seinem vierten Lebens- 
jahre! Er kommt in die Klippschule und ist so verlegen, dass er nicht 
aufzusehen wagt. „Endlich tat ichs und mein erster Blick fiel auf ein 
schlankes blasses Mädchen, das mir gerade gegenüber sass; sie hiess 
Emilie und war die Tochter eines Kirchspielschreibers. Ein leiden- 
schaftliches Zittern überflog mich, das Blut drang mir zu Herzen, aber 
auch eine Regung von Scham mischte sich gleich in mein erstes 
Empfinden, und ich schlug die Augen so rasch zu Boden, als ob ich 
einen Frevel begangen hätte. Seit dieser Stunde kam mir Emilie 
nicht aus dem Sinn, die vorher so gefürchtete Schule wurde mein 
Lieblingsaufenthalt, weil ich sie dort nur sehen konnte; die Sonn- und 
Feiertage, die mich von ihr trennten, waren mir so verhasst, als sie 
mir sonst erwünscht gewesen sein würden, ich fühlte mich ordentlich 
unglücklich, wenn sie einmal ausblieb. Sie schwebte mir vor, wo ich 
ging und stand, und ich wurde nicht müde, still vor mich hin ihren 
Namen auszusprechen, wenn ich mich allein befand; besonders waren 



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Dichtung und Neurose. 21 

ihre schwarzen Augenbrauen und ihre roten Lippen mir immer 
gegenwärtig, wogegen ich mich nicht erinnere, dass auch ihre Stimme 
Eindruck auf mich gemacht hätte, obgleich später gerade hiervon Alles 
bei mir abhing." Er wird der fleissigste Schüler, nur um ihre Auf- 
merksamkeit zu erregen. Er flieht sie, um seine Neigung zu verbergen. 
Ja er ist eigentlich eher feindselig gegen sie. Nur einmal, als sie ein 
anderer Knabe schlägt, stürzt er sich auf denselben, wirft ihn zu Boden 
und züchtigt ihn gehörig. Allein seine Geliebte (oflFenbar eine kleine 
Masochistin) ruft um Hilfe und so wird er für seine Rittertat derb ge- 
züchtigt. Diese Neigung, die im vierten Lebensjahr begann, dauerte 
bis zum achtzehnten. — 

Jean Paul, der sich lange Zeit mit dem Plane getragen, eine 
„Erotische Akademie" zu gründen und dessen Sexualleben ein typisch 
neurotisches war (vielleicht Impotenz?) erzählt ebenfalls eine Liebe aus 
den ersten Kinderjahren. 

Eine köstliche, ofienbar zum Teil autobiographische, Schilderung 
der Kindesliebe findet sich in Salvatore Farinas humoristischem 
Romane „Mio figlio". — 

Frühes Erwachen des Geschlechtstriebes zeigt auch Goethe, der 
sich als 10 jähriger Knabe in eine junge Französin, die Schwester seines 
Freundes Derones verliebte. (Dichtung und Wahrheit.) 

Auch Dante verliebte sich im zehnten Jahre, Alfred de Musset 
schon mit vier Jahren in seine Kusine. 

A 1 f i e r i liebte nach Lombroso schon in seinem neunten, C a r r o n 
und Byron im achten, J. J. Rousseau im elften Lebensjahre. Tasso 
war der ausgemachteste Wüstling in seiner Jugend und von strenger 
Keuschheit nach seinem achtunddreissigsten Lebensjahre ; Pascal, 
sinnlich in der ersten Jugend, hielt später sogar den mütterlichen Kuss 
für verbrecherisch. 

Muthmann (Zur Psychologie und Therapie neurotischer Symp- 
tome — Halle a. S 1907) — macht auf folgende Stelle in Stendhals*) 
Jugenderinnerungen aufmerksam : „Ich war in meine Mutter verliebt . . 
Ich wollte meine Mutter immer küssen und wünschte, dass es keine 
Kleider gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und schloss mich oft in 
ihre Arme. Ich küsste mit so viel Feuer, dass sie gewissermassen ver- 
pflichtet war. davon zu gehen. Ich verabscheute meinen Vater, 
wenn er dann kam und unsere Küsse unterbrach; ich wollte sie ihr 
immer auf die Brust geben. Man geruhe sich zu vergegenwärtigen, 
dass ich sie verlor, als ich kaum sieben Jahre alt war. ... So habe 
ich vor 45 Jahren das verloren, was ich am meisten auf der Welt ge- 
liebt habe. *- 

M von Stendhal Henry Bayle, ^Bekenntnisse eines Egoisten." 



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22 Wilhelm Stekel: 

Hier sehen wir das Beispiel einer Inzestliebe, wie sie sieh bei 
allen Neurotikern als tiefste Wurzel ihrer Neurose nachweisen iässt. 
Sie wird uns noch einige Male und besonders bei Grillparzers ,. Traum 
ein Leben** beschäftigen. Meiner Ansicht nach sind die hier angegebenen 
Zahlen vom frühen Beginn des Geschlechtslebens noch viel zu hoch 
gegriffen. Eigentlich beginnt das Sexualleben des Kindes vom Tage 
seiner Geburt. Nur fallen diese ersten Regungen fast ausnahmslos der 
Verdrängung anheim. Wenn wir die Dichter bei Lebzeiten analysieren 
könnten, es wurden noch ganz andere Tatsachen zu Tage kommen. 
Meistens handelt es sich in den ersten Kinderjahren um autoerotische 
V^orgänge — also um Onanie. 

Dass die meisten Dichter in ihrer Jugend der Onanie übermätaig 
gefröhnt haben ist aus mehreren Selbstbekenntnissen erwiesen. 

Strindberg, dessen Angsthysterie uns noch beschäftigen soll, 
spricht in seiner „Beichte eines Toren" über seine Onanie. Bei 
dieser Gelegenheit entwickelt er Ansichten, die beweisen wie turmhoch 
der Dichter manchen zeitgenössischen Ärzten überlegen ist, die ganze 
Bände mit Betrachtungen über die Schäden der Onanie füllen. Und 
doch ist der Kampf gegen den Trieb, die nachfolgende Zerknirschung 
und Reue, der schwere psychische Konflikt mit seinem grossen Auf- 
wand an Energie der Hauptschade der Onanie*). 



' ) Flinige bemerkenswerte Stellen aus Strindberg:, Schlechte BUcherspekulauten 
in medizinischen Büchern und Pietisten, die um jeden Preis Propaganda machen wollten, 
furchtsame und unwissende Eltern haben sämtlich und manche in guter Absicht, alles ge- 
tan, um junge Sünder vom Weg der Untugend abzuschrecken. Spätere und aufgeklärtere 
Untersuchungen erfahrener Ärzte wiederum haben sich die Aufgabe gestellt, die 
Ursachen der Erscheinung und vernünftige Heilmittel zu entdecken, sowie vor allen 
Dingen die übertriebene Furcht und die Qualen des aufgeschreckten Gewissens einzu- 
dämmen, die Ursachen zu den verhältnismäßig wenigen Fällen von Wahnsinn und Selbst- 
mord, die man verzeichnet hatte, gewesen seien. Ferner hat man die Entdeckung gemacht, 
da«s nicht die Untugend an sich, sondern der unbefriedigte Trieb die Krankheits- 
erscheinungen hervorgerufen habe, und ein jüngerer französischer Arzt ist sogar so 
weit gegangen, dass er die Tat als eine nicht schädliche Unterstützung der Natur 
ansieht. Eine Tatsache ist. dass man die Geisteskranken konstant mit der üblen 
Gewohnheit behaftet finden wird. 

Bei Geisteskranken hat mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und 
animalische Leben die Oberhand gewonnen, und daher bricht der Trieb unauf- 
haltsam hervor und sucht seine Befriedigung, wie er kann. Ein zweiter Fehlschluss : 
jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er sich früher an seinem Körper vergriffen 
habe. Alle (jeisteskranken haben es getan, aber darum ist dies nicht die Ursache 
der Krankheit, denn es ist jetzt aufgedeckt, dass fast alle Menschen sich 
einmal an ihrem Körper vergriffen haben. Aber dies wird geheim 
gehalten, und daher glaubt eine ganze Menge junger Sünder, das eingebildete Ver- 
brechen allein begangen zu haben, und ist der Meinung, dass die strengen Richter, 
die ihnen den Schrecken einjagen, unschuldig gelebt haben.** 



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Dichtung und Neurose. 23 

Maßlose Onanie wird .von Gogol, Raimund, Grabbe und 
Lenau behauptet. Doch dürfen wir diese spärlichen Angaben nicht 
als erschöpfend ansehen. Leider ist das Sexualleben der wenigsten 
Dichter genau bekannt: noch weniger die ersten autoerotischen Er- 
scheinungen ihrer Kindheit. 

Eine bedeutende Rolle im Mechanismus der Hysterie spielt die 
Anlage zur phantastisch - dichterischen Schilderung von Erlebnissen. 
Werden doch manche Hysterische mit Unrecht als lügenhaft bezeichnet. 
Mit Unrecht — denn sie sind häufig nicht im Stande Wahrheit und 
Dichtung zu trennen. Einen sehr interessanten Beitrag zur Lügen- 
haftigkeit der dichterisch Veranlagten (vergleiche übrigens das zitierte 
Geständnis von Grillparzer) liefert Gottfried Keller in seinem 
autobiographischen Roman ,Der grüne Heinrich**. Als siebenjähriger 
Knabe erfand er sich eine fast unglaubliche, phantastische Geschichte, 
beschuldigte drei ältere Schüler eines Verbrechens mit solcher Bestimmt- 
heit, dass sie dafür schwer bestraft wurden. — 

Keller wunderte sich über seine Beredsamkeit, mit der er die 
erfundene Geschichte erzählte, die mit einer exquisit masochisHschen 
Phantasie abschloss. Er sollte angeblich von den Knaben an einen 
Baum gebunden und gezwungen worden sein, unsittliche Worte nach- 
zusprechen. 

Über seine Tat empfand er keine Reue. Er erzählt: 

„So viel ich mich dunkel erinnere, war mir das angerichtete Unheil 
nicht nur gleichgültig, sondern ich fühlte eher noch eine Befriedigung 
in mir, dass die poetische Gerechtigkeit meine Erfindung so schön und 
sichtbarlich abrundete, dass etwas Auffallendes geschah, gehandelt und 
gelitten wurde und das infolge meines schöpferischen Wortes. Ich 
begriff gar nicht, wie die misshandelten Jungen so lamentieren und 
erbost sein konnten gegen mich, da der treffliche Verlauf der Geschichte 
sich von selbst verstand und ich hieran so wenig etwas ändern konnte, 
als die alten Götter am Fatum. 

Die Betroffenen waren sämtlich, was man schon in der Kinder- 
welt rechtliche Leute nennen könnte, ruhige, gesetzte Knaben, welche 
bisher keinen Anlass zu scharfem Tadel gegeben und aus denen seither 
stille und arbeitsame Bürger geworden. Umso tiefer wurzelte in ihnen 

^Übrigens legte er die Untugend bald ab, als ihm ein Buch zum Abschrecken 
in die Hand fiel, aber an dessen Stelle trat ein Kampf gegen die Begierden, die er 
nicht zu besiegen vermochte, weil sie ihn im Traume in der Form von Gaukel- 
bildern überfielen, wo seine Kraft zu Ende war, und einen ruhigen Schlaf konnte 
er nicht mehr geniessen, als bis er mit 18 Jahren Umgang mit dem andern Oe- 
schlechte zu pflegen begann." 

Ich kann diesen treffenden Bemerkungen nur einen Satz hinzuftigen: (Gerade 
dieser psychische Konflikt, dieser ewige Kampf mit den Begierden ist die Ursache 
schwerer neurotischer Symptome, nicht die mäfjig betriebene Onanie selbst. 



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24 W i 1 h e 1 m S t e k e 1 : Dichtung und Neurose. 

die Erinnerung an meine Teufelei und das erlittene Unrecht und als sie 
es jahrelang nachher mir vorhielten, erinnerte ich mich ganz genau 
wieder an die vergessene Geschichte und fast jedes Wort ward wieder 
lebendig. Erst jetzt quälte mich der Vorfall mit verdoppelter nach- 
haltiger Wut und so oft ich daran dachte, stieg mir das Blut zu Kopfe 
und ich hätte mit aller Gewalt die Schuld auf jene leichtgläubigen 
Inquisitoren schieben, ja sogar die plauderhafte Frau anklagen mögen, 
welche auf die verpönten Worte gemerkt und nicht geruht hatte bis 
ein bestimmter Ursprung derselben nachgewiesen war. Drei der ehe- 
maligen Schulgenossen verziehen mir und lachten, als sie sahen, wie 
mich die Sache nachträglich beunruhigte und sie freuten sich, dass ich 
zu ihrer Genugtuung mich alles einzelnen so wohl erinnerte. Nur der 
vierte, der viel Mühe mit dem Leben hatte, konnte niemals einen 
Unterschied machen zwischen der Kinderzeit und dem späteren Alter 
und trug mir die angetane Unbilde so nach, als ob ich sie erst heute, 
mit dem Verstände des Erwachsenen, begangen hätte. Mit dem tiefsten 
Hasse ging er an mir vorüber und wenn er mir beleidigende Blicke 
zuwarf, so vermochte ich sie nicht zu erwidern, weil das frühere Unrecht 
auf mir ruhte und keiner es vergessen konnte." 

Wir erkennen an diesem schönen Beispiel intimen Zusammenhang 
zwischen Hysterie und Dichtung. Eigentlich ist jede Lüge eine ,, Dich- 
tung". Man sagt von den Hysterischen, sie erdichten phantastische 
Historien. Diese Neigung zur poetischen Gestaltung geheimer Wünsche 
ist eigentlich die tiefste Wurzel des dichterischen Schaffens - ; ebenso 
beweist der Neurotiker, der seine Symptome in symbolischer Sprache 
macht, eine oft geradezu wunderbare künstlerische Kraft. Und sind 
die Träume etwas anderes, als Dichtungen und Lügen? Belügen sie 
uns nicht jede Nacht im Traume, uns und die andern? Es ist unsere 
Unzufriedenheit mit dieser Welt, die uns zwingt, uns in einer anderen, 
zweiten Welt zu ergehen. So zeigt es sich eigentlich, dass die Neurose, 
während sie auf der einen Seite der Menschheit schwere Wunden schlägt, 
anderseits doch die Möglichkeiten des künstlerischen Genusses ins Un- 
endliche steigert. 



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IV. 

JjhO^ihe, der uns Deutschen als Sinnbild der Gesundheit erscheint, 
war ein schwerer Neurotiker. Wollte man Mob ins recht geben, so 
müsste man fast die Diagnose auf eine leichte Form des , manisch- 
depressiven Irreseins" stellen. Aber gerade an Goethe lässt sich nach- 
weisen, wie einseitig der psychiatrische Standpunkt ist, der alle Genies 
in die Gruppe der Entarteten einreihen möchte. Selbst der Spürsinn 
eines Möbius kann eigentlich keine ernstliche hereditäre Belastung 
nachweisen. Sein Vater war ein übertrieben gewissenhafter, pedantischer, 
eigensinniger, gegen die Familie rücksichtsloser, engherziger, geiziger, 
misstrauischer Mensch. Das gibt noch keine „pathologischen Züge** ! 
Er ist nur der typische Tyrann, der durch strenge Unterdrückung des 
Sohnes die Grundlagen der Neurose herstellen hilft. 

Ja — Goethe war ein Neurotiker durch und durch. Schon in 
seiner Jugend wurde er von hypochondrischen Vorstellungen arg ge- 
plagt. Machte allerlei unsinnige Diätkuren. Beschuldigte bald den- 
Kaffee — bald die sitzende Lebensweise als Ursache seiner Neurose. 
Schwankte zwischen ausgelassener Lustigkeit und melancholischem Un- 
behagen. Sein bekannter Blutsturz in Leipzig scheint — was ja auch 
Möbius in Betracht zieht — ein hysterisches Bluterbrechen gewesen 
zu sein. In seiner Rekonvaleszenz meint er selbst, „er sei seinem Vater 
als ein Kränkung, der mehran der Seele als am Körper zu leiden 
schien,** entgegengetreten. Damals machte er auch die gewisse „raystisch- 
pietistische" Periode durch, die bei keinem Neurotiker fehlt. 

In Strassburg zeigte er typische Symptome einer ausgesprochenen 
Angsthysterie. Er war ausserordentlich reizbar. ^) Diese Reizbarkeit ist 
ein sehr charakteristisches Symptom der Angstneurose. Goethe erzählt: 

1) „Denn im höchsten MaBe haben unsere grossen Dichter besessen, jene 
Reizbarkeit oder Reizsaijakeit, wie man allemeuestens sagt. Grillparzer war den 
seltsamsten Lichterscheinungen ausgesetzt; ein blosser Ton hat es bewirken können, 
dass sein ganzes Wesen in zitternde Bewegung geriet und Hebbel hat gesagt r 
„Oft entsetze ich mich über mich selbst, wenn ich erkenne, dass in mir die Reiz- 
barkeit, statt abzunehmen, immer mehr zunimmt."* Trotz solcher Klagen entspricht 
es allgemeiner Erfahrung, dass der Reizbare durchaus nicht dem Reiz sich entzieht, 
dass es ihnen bitter süsse Wollust ist, sich Reizen auszusetzen, dass der Künstler 
dem Strom des Lebens, dem Genuss des Daseins, der Leidenschaft sich hingibt.*" 
(Behaghel, Bewusstes und ünbewusstes im dichterischen Schaffen. Leipzig 1907.) 



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26 Wilhelm Stekel: 

^Ein starker Schall war mir zuwider, krankhafte Gegenstände erregten 
mir Ekel und Abscheu; besonders ängstigte mich ein Schwindel, der 
mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte.** Nach 
Tische schnürte es ihm die Kehle zu, dass er kaum atmen konnte. 
Doch schon als Kind zeigte er ein ausserordentlich starkes Triebleben: 
Grosse Sinnlichkeit, pathologische Eif(^rsucht, einen unglaublichen Jäh- 
zorn. Er konnte in toller Wut Bilder an einer Tischecke zerschlagen, 
Bücher durchschiessen u. s. w. (Natürlich sind diese scheinbar unsinnigen 
Erscheinungen als Sjmbolhandlungen leicht zu deuten I» 

Dass die Ekelgefühle sich zum Taedium vitae steigerten, und ihn 
Selbstmordgedanken beherrschten, beweist sein „ Wei*ther*. Seine Aflfekte 
überschritten jederzeit leicht die Grenzen des Normalen. Er weinte leicht 
und bei allen Gelegenheiten. Er weinte, als er „Hermann und Dorothea •* 
vorlas. („So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen.*)' Er weinte beim 
fünften Akte der Iphigenie; er weinte schon 14 Tage vor der Abreise 
aus Rom „täglich wie ein Kind**. Er fürchtete alle traurigen Nach- 
richten und mied ängstlich alle unangenehmen Eindrücke. Es war das 
Weib in ihm, die nie fehlende homosexuelle Komponente des Neurotikers, 
die sich auf diese Weise äusserte. 

Er war grossen periodischen Schwankungen unterworfen. Möbius 
meint „die Verwandtschaft zwischen dem unmotivierten Stimmungs- 
wechsel und dem periodischen Irresein könne kein Denkender ableugnen.** 
Ich bin so frei sie rundweg zu bestreiten. Wer diese Stimmungs- 
menschen psychoanalytisch erforscht, der merkt dann mit Erstaunen, 
dass es keinen unmotivierten Stimmungswechsel gibt. Alle 
Depressionen sind im Unbewussten psychisch motiviert. Sie erscheinen 
nur bei oberflächlicher Betrachtung als nicht motiviert. Jede Depression 
ist nach meinen Erfahrungen die Folge irgend eines Verzichtes auf 
einen geheimen, unbewussten — oder nur halbbewussten Wunsch. 
(Meist ein Verzicht auf Liebe!) 

Überblickt man das ganze Krankheitsbild Goethes, so merkt 
man, dass man es nur mit einer Neurose zu tun hat, und zwar mit der 
typischen Neurose aller Dichter, der Hysterie. 

Ich habe die homosexuelle Komponente Goethes hervorgehoben. 
Erst neueren Forschungen verdanken wir die Kenntnis der Tatsachen, 
dass alle Neurotiker bisexuell sind, ja dass ohne Kenntnis dieser 
Bisexualität das Verständnis und die psychoanalytische Heilung der 
Kranken unmöglich sind. Der Künstler zeigt sich in dieser Hinsicht 
als vollkommenes Analogon. Alle Menschen sind bisexuell angelegt, 
aber die Künstler zeigen einen besonders starken Zug zur Homosexualität. 
F 1 i e s s hat auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass so viele Künstler 
linkshändig sind. Nach diesem Forscher entspricht die linke Seite immer 
den gegengeschlechtigen Substanzen, sodass z. B ein linkshändiger Mann 



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Dichtung und Neurose. 27 

mehr weibliche Substanzen in sich hat, als der Normalmensch, in Folge 
dessen einen starken Zug zum Manne aufweisen muss. 

Tatsächlich ist die hohe Zahl der ausgesprochen Homosexuellen 
4inter den Künstlern auffallend. Man denke an: Platen, Andersen, 
Holbein, Kierkegaard, Jacobsen, Oskar Wilde, Iffland, A. W. von Schlegel, 
Sadi. Hafis, Sophokles, Euripides, Pindar, Alkaios, Anakreon, Sappho, 
Piaton, Virgil, Catull, Tibull u. a. In den bekannten, trefflichen „Jahr- 
büchern für Sexuelle Zwischenstufen*' von Magnus Hirschfeld findet 
sich reichliches Material über dieses Thema. 

Bei allen Neurotikern können wir ausser der starken homosexuellen 
Komponente auch die Inzestgedanken in geradezu überwuchernder Üppig- 
Tceit nachweisen. Es mag ja jeder Mensch eine leise Andeutung der 
Inzestphantasien empfinden. Aber es gelingt dem Noririalmenschen sich 
von den Inzestphantasien frei zu machen und sie in Elternliebe, Geschwister- 
liebe, Hochachtung, Dankbarkeit, Anhänglichkeit zu sublipaieren. Den 
Neurotiker aber jagt die affektative Macht seiner Inzestphantasien in 
schwere psychische Konflikte. Notwendig muss der Vater zum Tyrannen, 
zum grausamen Unterdrücker werden, wenn die Mutter als das Ideal 
aller Weiblichkeit strahlen soll.*) Die Weltliteratur ist eigentlich eine 
Kette von fortlaufenden Geständnissen der Dichter über diesen Gegen- 
stand. Otto Rank hat ein ausführliches Werk über „Die Inzest- 
phantasie in der Weltliteratur** geschrieben, aber leider dafür noch keinen 
Verleger gefunden. Ich will hier nur die markantesten Werke, e d i p u s , 
Hamlet, Don Carlos, Phaedra, Die Geschwister, Nathan 
der Weise und die Ahn fr au erwähnen. 

Nicht in allen Werken liegt die Inzestphantasie so offen, wie in 
den erwähnten. Nicht jeder Dichter ist so offenherzig wie Stendhal. 
Ich will aber später versuchen nachzuweisen, dass Inzestphantasien in 
Werken eine Rolle spielen, wo sie niemand vermutet hätte. In der 
Analyse von „Traum ein Leben" werden wir auf das Verhältnis Grillparzers 
zu seiner Mutter zurückkommen müssen. Auch moderne Dichter be- 
handeln häufig den Inzest. Am bekanntesten dürfte die Erzählung aus 
den „Phantasien eines Realisten*' und der erschütternde Roman „Nils 
Tuffesson und seine Mutter** von Geijerstam sein. 

') Vergleiche den beachtenswerten Aufsatz von Dr. Karl Abraham: Die 
Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. Jahrbuch für psycho- 
analytische Foi-schungen. 1909. Franz Deuticke. 



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Die meisten Dichter klagen über die Tyrannei des Vaters und 
werden von der Mutter verzärtelt. Ein klassisches Beispiel ist ja Goethe, 
dessen strenger Papa ihm des „Lebens ernstes Führen gegeben", während 
die liebe Frau Rat ihm die „Frohnatur** vermachte. Ähnlich war das 
Schicksal Grillparzers. Auch der alte Wenzel Grill parzer hielt 
den jungen Franz immer wieder zum Studium an und unterdrückte 
ihn auf jede mögliche Weise. Für seine Poeterei hatte er gar kein 
Verständnis Er hielt ihm als Schreckbilder alle möglichen schlechten 
Poeten vor und sagte einmal: „So wirds dir auch ergehen, trotz 
mancher Anlagen wirst du zuletzt auf dem Mist krepieren.*" Gewöhn- 
lich gaben dabei Gedichte Anlass zu den unangenehmsten Szenen. 
„Wie kann einem das einfallen? Es ist unverständig, abgeschmackt, 
absurd, höchster Unsinn!" — so steigerte er seinen Unwillen selbst bis zum 
Zorn und das Ende war jederzeit, dass er „den Wisch** hinwarf und seine 
Prophezeihung eines schmählichen Endes wiederholte" ^) Seine Ausbrüche 
waren so heftig, dass, als seine Brustkrankheit zunahm, der Sohn nicht 
mehr wagen durfte, ihm etwas von seinen Arbeiten zu zeigen. (August 
Sauer: Studien zur Familiengeschichte Grillparzers. Symbol. Pra- 
genses 1893). Sauer hat vollkommen Recht, wenn er in dem mit seinen 
Kindern bis zur Grausamkeit harten Vater des armen Spielmannes, in 
Bankban, in Bischof Gregor die Züge des Vaters Grillparzers wieder 
erkennt. Dagegen hat er Unrecht, den alten Grillparzer in Kaiser Rudolf 
wieder zu erkennen. Kaiser Rudolf ist Grillparzer, der Dichter selber, 
der seinen argen Tyrannen, den Vater (König Ottokar) demütigt, seine 
Mutter (Königin Margarete = Marianne) vor ihm in Schutz nimmt. 

Was für Konflikte mag es in des Dichters Hause zwischen den 
Eltern gegeben haben! 

„Und fort und fort ging Sturm in ihrem Hause, 
Mein Vater wollte, was kein And'rer wollte, 
Und drängte mich und zürnte ohne Grund, 
Die Mutter duldete und schwieg/ 



1) Eine feine Rache nimmt der Dichter dafür in „König Ottokars Glück und 
Ende"*. Rudolf hängt dem „Reimer'' seine goldene Kette um und belehrt die 
murrenden Ritter über den hohen Wert der Kunst. 



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Wilhelm Stekel: Dichtung und Neurose. 29 

Die Mutter war hysterisch, leidenschaftlich der Musik ergeben und 
zeitweise von Depressionen befallen, die sie schliesslich zum Selbstmord 
trieben. 

Über vsein Verhältnis zur Mutter findet er einige charakteristische 
Worte in seiner Selbstbiographie. Aus dieser geht hervor, dass ihm die 
Mutter das Ideal eines liebenden Weibes, das Ideal einer Hausfrau gewesen. 

Als der Vater im Totenbette lag, da schmolz das Eis seines Herzens 
und er wollte sich ihm liebreich nähern. Der Vater winkte leise ab und 
flüsterte die Worte — es waren seine letzten: „Zu spät!*' 

In tragischer Weise wiederholte Grillparzer dieselben Worte, als 
er im hohen Alter von einer Schar feuriger Anhänger umjubelt wurde: 
^Zu spät!" 

In einem Gedichte „Die tragische Muse**, das er als 28 jähriger 
Jüngling schrieb, heisst es nach einer grauenvollen Vision, in der er* 
Medea sieht, „zwei Kinder tot zu ihren Füssen und ein Greis und ein 
Jüngling im Todeskampf verzerrend, verwandte, ähnliche Züge.*- 

Hebe Dich weg, Entsetzliche! 
Kinder-, Bruder-, Vatermörderin ! 
Was ist mir gemein mit dir? 
' Den Vater hab' ich kindlich geehrt. 

Und als die Mutter starb, 
Flossen fromme Tränen 
Ihr nach ins unerwünschte Grab. 
Was hab' ich gemein mit Dir? 
Mir schaudert! Geh'I 

Und doch hatte er viele Züge mit der „Medea*" gemein. Auch 
ihn hat das Motiv des Vatermordes intensiv beschäftigt In seinem 
ersten Stücke, der Ahnfrau, erschlägt Jaromir seinen Vater und liebt, 
ja begehrt seine eigene Schwester Berta leidenschaftlich. Es ist nicht 
schwer zu erkennen, dass Berta, die der Ahnfrau so täuschend ähnlich 
sieht, die Mutter darstellt. 

Alfred Klaar sagt in seiner trefflichen Grillparzerbiographie sehr 
bezeichnend: „Aus der Tragik der eigenen Familie wuchs dem hoch- 
begabten Jüngling, dessen poetischer Tatendrang gegen den Druck der 
häuslichen Verhältnisse reagierte, die Familien- und Vererbungstragödie 
seines ersten innerlich selbständigen Dramas hervor." 

Auch in andern Dramen dringt der Vaterhass durch. Nirgends 
so kräftig, aber zugleich so versteckt wie im „Traum ein Leben", dessen 
Analyse uns später beschäftigen wird. 

Seine Mutter! Wie anders wirkt dies Zeichen auf ihn ein! Sie muss 
ihn in den letzten Jahren ihres Lebens abgöttisch geliebt haben. Schreibt 
sie ihm doch: „Ich denke des Tags gewiss tausendmal an dich, weil 
ich auf der Welt nichts mehr habe als dich, denke auch manchmal 
an mich." 



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30 Wilhelm Stekel: 

Gegen seine Brüder, besonders Kamillo, war Grillparzer maMo& 
eifersüchtig. Seine Mutter schien ihm, wie gesagt, das Ideal einer Haus- 
frau. In seiner Selbstbiographie bekennt er: „Was ich (beim Tode der 
Mutter!) empfand, könnte nur derjenige beurteilen, der das Idyllische 
unseres Zusammenlebens gesehen hätte. Seit ich nach dem Versiegen 
ihrer eigenen Hilfsquellen allein die Bedürfnisse des Hauses bestritt, 
vereinigte sich für sie in mir der Sohn und Gatte. Sie hatte 
keinen Willen als den meinigen, mir fiel aber nicht ein, einen Willen 
zu haben, der nicht der ihrige gewesen wäre. Aus unserm Zusammen- 
leben konnte ich abnehmen, dass ein eheliches Leben meinem Wesen 
gar nicht entgegengesetzt war, obwohl ein solches Verhältnis sich nicht 
gefunden hat." 

Die letzten Worte sind nur mit grano salis aufzufassen. 
Verhältnisse hat Grillparzer genug gefunden. Man braucht da nicht 
allein an die rührend aufopfernde Liebe der Katharina Fröhlich zu 
denken. Aber er war zur dauernden Liebe unfähig, weil seine ganze 
Liebe bei der Mutter verankert war, eine Erscheinung, der wir bei der 
Psychoanalyse der Neurosen gar so häufig begegnen. Auch darauf 
werden wir noch später zurückkommen. 

In gleicher Weise wurde auch Lenau von seiner Mutter ver- 
zärtelt, während er seinen Vater hassen und verabscheuen lernte. War 
der alte Grillparzfer ein steifer, trockener, rechtlicher, übertriebener 
Pendant, so war Lenaus Vater ein liederlicher, leichtsinniger Spieler 
und Trunkenbold, der sich um seinen Sohn nicht viel kümmerte, während 
die Liebe seiner Mutter zu ihm geradezu pathologisch war. 

Ähnlich erging es Hebbel. Ein strenger ungebildeter Vater und 
eine zärtliche Mutter. Keller vergisst ebenfalls nicht die pedantische 
Strenge seines Vaters hervorzuheben, ebenso Jean Paul. 

Auch Scheffel hatte einen ernsten, gelehrten, rechtschaffenen 
Vater, dem Ordnung und Recht vor allem am Herzen lagen. Die Mutter 
war eine schöne, lebhafte, poetisch veranlagte Frau. So bestätigt sich 
auch hier die Angabe von Mob ins, dass alle Kunsttalente vom Vater 
geerbt werden, mit Ausnahme des poetischen Talentes, das häufig von 
der Mutter vererbt wird (Möbius, über Scheffels Krankheit. Karl 
Marholdt Halle a. S. 1907); d. h. die Mutter vererbt — oder noch 
richtiger überträgt durch übermäiaige Zärtlichkeit ihren Kindern die 
Neurose. Sie entschädigt sich für das Defizit aq Liebe, das ihr das 
Leben bietet, durch die Liebe zu den Kindern, allerdings meist zum 
Schaden der letzteren. 

Ein gleiches Verhältnis besteht bei Reuter. „Ein an strenge 
Pflichterfüllung gewöhnter, in rastlosem Fleisse seinem Ziele zustrebender 
Vater ** und eine mit beweglichem Geiste, lebhafter Phantasie und tiefem 



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DichtuDg und Neurose. 31 

Gemüte ausgezeiclmete Mutter (vergl. Fritz Reuters Krankheit* von 
Paul Albrecht, Karl Marhold, Halle a. S. 1907). 

Der Haas gegen den Vater äussert sich bei vielen Menschen in 
sonst unerklärlichem Hasse gegen den eigenen Namen. Dieser war bei Grill- 
parzer besonders stark ausgeprägt. ,Er konnte ihn kaum geschrieben, 
geschweige denn gedruckt sehen, er konnte sich anfangs nicht ent- 
schliessen, ihn auf den Theaterzettel setzen zu lassen, er schämte sich seines 
Namens, er entsetzte sich vor ihm, er verwünschte ihn! (Sauer l. c.) 

Bei Schiller^) finden wir denselben Gegensatz: einen strengen^ 
praktisch verständigen, bigotten Vater, der beständig gegen die bösen 
Triebe seiner Brust ankämpfte. Herbe Selbstanklagen entströmten seinen 
Lippen. Er forderte von seinem Sohne eine strenge Pflichterfüllung,^ 
tadelte auch nicht seine Lehrer, wenn sie ihn barbarisch verprügelten. 
Was Wunder, wenn Schiller später gegen die „geist- und herzlose 
Erziehung der Jugend* loszog! Seine Mutter zeichnete sich durch 
gütiges und mildes Wesen aus, war sehr verständig, wenngleich sie eine 
leichte Neigung zur Mystik zeigte. Auch Schiller hatte seine fromme 
Periode, die alle Neurotiker mitmachen müssen. Seine ersten Stoße 
waren biblischer Natur: „Christus" und ^Absalon". In seinem 
ersten Meisterwerke „Die Räuber* wird der Vater seinem Hasse ent- 
sprechend schlecht behandelt. Karl und Franz sind offenbar die Ver- 
körperungen der beiden Seelenströmungen des Dichters. „Vielleicht 
hat der grosse Bösevricht keinen so weiten Weg zum grossen Recht- 
schaffenen, als der kleine* sagt Schiller in seiner Vorrede. In „Don 
Carlos* sehen wir das uralte Problem: den Hass gegen den Vater 
und die Liebe zur Mutter. Freilich nicht so krass wie im Oedipus. 
Durch Jahrtausende Kulturarbeit überlagert, gehemmt, entstellt, ver- 
schoben. Aber im Grunde ist es dasselbe Motiv. Und was ist der „T e 1 h in 
seiner Wurzel anderes, als die Empörung gegen die unerträgliche Tyrannei 
des grössten Tyrannen aller Zeiten, des Vaters, vor dessen Gesslerhut 
die Kinder sich immer demütig verneigen müssen.-) 

Sonderbar genug! Auch der Vater von Konrad Ferdinand 
Meyer war gleich den Erzeugern Goethes, Grillparzers, Scheffels^ 
Schillers, Jean Pauls, Kellers ein Mann von strengster Gewissen- 
haftigkeit und grösster Pflichttreue, ein rastloser Arbeiter, während die 
ideale, edle, geistreiche Mutter durch eine Melancholie in den Tod 
getrieben wurde. Sehr richtig präzisiert Sadger (Konrad Ferdinand 
Meyer, eine pathographisch-psychologische Studie . J. F. Bergmann 1 908) 
das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Es war Liebe, stürmische 
Liebe, die zwischen ihnen ein unleidliches Verhältnis schuf. Die Mutter 

J) Schiller von Karl Berger, München 1905. 

*) Vergleiche Jung: ,Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Ein- 
zelnen **. Leipzig und Wien. 1909. 



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32 Wilhelm Stekel: 

musste erst sterben, damit das poetische Schaffen des Künstlers sich frei 
entfalten konnte. 

Auch Hebbel sagte von seinem Vater: „Mein Vater hasste mich 
eigentlich, auch ich konnte ihn nicht lieben (Biographie Friedrich Hebbels 
von Emil Kuh, Wien 1877, S, 93). Er, ein Sklave der Ehe, hasste 
auch die Freude; zu seinem Herzen war ihr durch Disteln und Domen 
der Weg versperrt. Nun konnte er sie auch nicht auf den Gesichtern 
seiner Kinder ausstehen, das frohe, die Brust erheiternde Lachen war ihm 
Frevel, Hohn gegenüber ihm selbst ; Hang zum Spiel deutete auf Leicht- 
sinn, auf ünbrauchbarkeit, Scheu vor jeder Arbeit, auf angeborene 
Verderbnis, auf einen zweiten Sündenfall. Ich und mein Bruder hiessen 
seine Wölfe, unser Appetit vertrieb den seinigen, selten durften wir ein 
Stück Brot verzehren, ohne anhören zu müssen, dass wir es nicht ver- 
dienten." 

So kann nur der Hass sprechen. Es ist kein Zufall, dass sein 
erstes Stück den Königsmord verherrlicht. Judith, die dem Holofernes 
das Haupt abschlägt ! Freilich sie liebt auch den Tyrannen. Ein Pendeln 
zwischen Hass und Liebe. Das ewig wiederkehrende Motiv aller Neu- 
rotiker. 

Typisch ist das Liebesleben von Heine sowohl für einen Dichter, 
als für einen Neurotiker. Als junger Gymnasiast schwärmte er für ein 
Mädchen. Bei einer öffentlichen Schlussprüfung sollte er den „Taucher* 
deklamieren. Bei der Stelle 

„Und der König der lieblichen Tochter winkt!** 
fiel sein Blick auf die angebetete Schöne, die gerade auf einem goldenen 
Sessel zwischen den Schulinspektoren sass. Er blieb stecken und starrte 
mit offenen Augen auf die herrliche Erscheinung. Dreimal wiederholte 
er den erwähnten Satz und er fiel dann — wie sein Biograph Strodt- 
mann (Heines Leben und Werke, Berlin 1873) berichtet, in eine Ohn- 
macht. Wir wissen es aus unsern Psychoanalysen, dass diese lebens- 
rettenden Ohnmächten meistens hysterische Anfälle sind. 

Dann verliebte er sich in die Nichte eines Scharfrichters, Josepha, 
die „Sefchen" genannt wurde. Schliesslich landete er nach mancherlei 
Irrfahrten mit seiner ersten grossen Liebe bei seiner Kusine Amalie 
Heine, die die Muse seiner berühmten Gedichte „Junge Leiden" gewesen. 

Die Kusine ist das typische Kompromiss zwischen Inzestgedanken 
auf die Mutter oder Schwester und deren Abwehr. Auch Grillparzer 
liebte seine Kusine Marie ßizzi (seine Mutter hiess Mari — anne!) 
Solche Namensgleichheit oder Ähnlichkeit spielt oft bei der Liebeswahl 
eine bedeutsame Rolle. Das „Verlieben" findet immer nach einem in- 
fantilen Ideale statt. Dies Ideal ist meistens dem engsten Familien- 
kreis entnommen. Eine Kusine ist auch eine Nahverwandte — und 
trotzdem eine dem Begehren nicht Unerreichbare. 



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Dichtung und Neurose. 33 

Auch Heine ist auf seinen Vater schlecht zu sprechen. Aber die 
Mutter! Wie herrlich besingt er sie: 

Im tollen Wahn hab' ich Dich einst verlassen, 
Ich wollte geh'n die ganze Welt zu Ende, 
Und wollte sehen, ob ich Liebe fände, 
Um liebevoll die Liebe zu umfassen. 

Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, 
Vor jeder Türe streckt' ich aus die Hände, 
Und bettelte um gringe Liebesspende — 
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen. 

Und immer irrte ich nach Liebe, immer 
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer. 
Und kehrte nun nach Hause, krank und trübe. 

Doch da bist Du entgegen mir gekommen, 
Und ach, was da in Deinem Aug' geschwommen. 
Das war die süsse, langgesuchte Liebe. 

(Neurotiker sehen die ganze Welt m Symbolen. Besonders häufig 
findet man eine versteckte Symbolik der Zahlen. Heine sieht die ver- 
hassten Hamburger am Jungfernstieg wie arabische Ziffern vorbeigehen : 
,Da ging eine knunmbeinige Zwei neben einer fatalen Drei, ihrer 
schwangeren und vollbusigen Frau Oemahlin; dahinter ging Herr Vier 
auf Krücken: einher watschelnd kam eine fatale Fünf, rundbauchig mit 
kleinen Köpfchen; dann kam eine wohlbekannte kleine Sechse und 
eine noch wohlbekanntere böse Sieben. Unter den voruberrollenden 
Nullen erkannte ich noch manchen Bekannten.**) 

Raimunds Schicksal zeigt grosse Ähnlichkeit mit dem Orill- 
parzers. Auch sein Vater verfluchte den Sohn und dessen 
künstlerischen Beruf, während seine Mutter als .ausnehmend gütige* 
Frau geschildert wird. 

Ungemein häufig finden wir bei Dichtern eine grosse Geschwister- 
liebe. Goethe, Byron, ^) Schiller, K. F. Meyer, Mörike und 
Keller, sind dafür Beweise. 

Sehr sonderbar ist auch das Verhältnis von Kleist zu seiner 
Schwester Ulrike. Sein Biograph Kies gen-) sagt darüber: „Alle 
intimeren Bekenntnisse schreibt er der Schwester Ulrike, ,der 
einzigen, die ihn ganz versteht**. Ihr ist er sein ganzes Leben hindurch 
treu geblieben; wenn sie fort ist, fühlt er sich unverstanden, unglücklich. 

Er schreibt einmal an sie: ,Von einer Seele wenigstens möchte 
ich gerne zuweilen verstanden werden, wenn auch alle andern mich 
verkennen. Wie man in einem heftigen Streite mit vielen Gegnern 
sich umsieht, ob nicht einer unter allen sei, der uns Beifall zulächelt, 



*) Von Byron wird behauptet, er habe mit seiner Schwester Inzest getrieben. 
Neuere Publikationen scheinen diese Annahme zu bestätijtcen. 
^ üniversalbibliothek 28. 
6renzfragen des Nerven- und ^jeelenlebena. (Heft LXV.) 3 



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34 Wilhelm Stekel: Dichtung und Neurose. 

SO suche ich zuweilen Dich; und wie man unter fremden Völkern freudig 
einem Larndsmann entgegenfliegt, so werde ich dir mein liebes Ulrikchen 
entgegenkommen. ^ 

Ein anderes Mal: „Wärst du ein Mann oder nicht meine Schwester, 
ich würde stolz sein, das Schicksal meines ganzen Lebens an das Deine 
zu knüpfen.* 

Er leidet an jener Reise wut, die so vielen Neuro tikern eigen ist. 
Sie fliehen vor den Beklemmungen und Angstgefühlen in eine andere 
Umgebung. Sie fliehen ihr Ich. Auch er muss reisen um „das Glück, 
die Ehre, vielleicht das Leben eines Menschen zu retten*. 

Natürlich reist er am liebsten mit .... seiner Schwester Ulrike, 
von der erzählt wird, sie habe mit Vorliebe Männerkleider getragen und 
sei nie dem Liebeswahn unterlegen. Das heisst sie war homosexuell 
geartet. Nach meinen Erfahrungen ist die Homosexualität nur die 
Flucht vor dem Inzest. Weil jeder Mann für sie der Bruder war, weil 
der Bruder für sie alles Männliche repräsentierte, konnte sie keinen 
Mann lieben und flüchtete zu ihrem eigenen Geschlechte. 

Wie „tief drückt ihn der Schulden Lasf, wie gerne möchte er 
büssen und beichten und wie mächtig zieht es ihn zum Katholizismus! 
„Ach nur einen Tropfen Vergessenheit* — ruft er aus, „und ich 
würde mit Wollust katholisch werden**. 

Später muss Ulrike mit ihm nach Berlin und ihm den Haushalt 
führen. Er quält sie erst und bittet sie dann demütig um Verzeihung: „Es 
liegt eine unsägliche Lust für mich darin, mir Unrecht von dir ver- 
geben zu lassen.* Ein deutliches sadistisch - masochistisches Spiel. 
Schliesslich leidet er an Lyssaphobie gleich Raimund und vielen 
andern Dichtern. 

Die Angst und das Grauen, diese im Mittelpunkte der Neurosen 
stehenden Affekte, spielen bei den Dichtern die grösste Rolle. Alle — 
alle ohne Ausnahme leiden an Angstzuständen. 



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VI. 

Alfred de Musset verliebte sich mit 9 Jahren in seine zwölf- 
jährige Kusine. Seine Leidenschaft war so gross, dass man ihm mehrere 
Jahre hindurch die Verheiratung seiner Geliebten verschweigen musste. 
Er zeigte eine Reihe neurotischer Züge. Er war der aktiven Liebe 
nicht sonderlich fähig, ein Don Juan der Gedanken und ein Impotenter 
der Tat. Er litt an ^audition color^e" ; mit zwölf Jahren faszinierte 
ihn ein altes Portrait, vor dem er bange Stunden verbrachte ; er wurde 
von heftigen Angstgefühlen gepeinigt, wobei er schrecklichen 
Halluzinationen unterworfen war. Man hörte ihn einmal heftig schreien 
und traf ihn, bleich, das Gesicht verzerrt, die Augen aufgerissen vor 
dem Bette: ,Lä — lä!" — schrie er entsetzt. „Un Croquemort! 
Le voyez vous? II a un drap noir sur le bras! Ah! mon Dieu! l'entendez 
vous! II me parle, il me dit: Quand il vous plait!* 

Er litt femer an jener Verdopplung des Ich, die Edgar Poe 
in mehreren Novellen und besonders Oskar Wilde so trefflich in 
seinem „Dorian Gray* beschrieben hat. Jene Verdopplung, die uns 
Goethe beschreibt, da er sich wieder nach Sesenheim reiten sieht. ^) 

Einmal ging er mit der Sand im Walde von Fontainebleau 
spazieren. Sie trennten sich. Plötzlich hörte sie einen unbeschreiblichen 
Schrei. Sie eilte hin und fand Musset in höchster Erregung. Er 
hatte sich selbst vorbeigehen gesehen, die Haare flatternd im Winde, 
bleich, in zerrissenem Gewände. 

Über diese Neigung der Dichter zu Halluzinationen und Mystizismus 
sprechen wir noch an anderer Stelle. 

Musset litt auch an jenem Überschwang der Affekte, von dem 
wir bei Dichtern zahllose Beispiele finden. Wir erwähnten bereits 
Goethe, der beim Vorlesen von „Hermann und Dorothea* in Tränen 
ausbrechend die historischen Worte sprach: „So schmilzt man bei seinen 
eigenen Kohlen." Auch Musset war bald weichlich, bald unbegreiflich 
hart, ein Spielball seiner Empfindungen, wie ihn eine Dame, Madame 
Allan schildert. Sie rühmt erst sein gutes Herz und filgt hinzu: 

1) Diese Verdoppelung des Ich entspricht natürlich der neurotischen Spaltung 
der Persönlichkeit. 



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36 Wilhelm Stckel: 

^Wenden sie das Blatt und sie haben das Negativ, sie haben es mit 
einem Menschen zu tun, der von einem Dämon besessen erscheint, 
schwach, gewalttätig, aufgeblasen, despotisch, verrückt, hart, träge, 
kleinlich, schlechjb, beleidigend, verblendet, von sich eingenommen, ego- 
istisch im höchsten ftrade, alles in den Kot zerrend, in Ekstasen für 
das Gute wie das Böse.* 

Dabei wurde er von heftigen Depressionen gequält, einem 
Übel, an dem fast alle Dichter krankten. Jede Depression ist 
wie gesagt nur der Ausdruck über einen Verzicht auf Lebensfreude, meist 
auf sexuelle Lebensfreude. Bei Musset wird es nicht anders gewesen sein. 

Dass er an periodischem Alkoholismus, an Dipsomanie . gleich 
Poe, Reuter, Verlaine, Grabbe, Ba udelaire litt, darf uns dann 
nicht wundern. Die Dipsomanie ist nur eine der Formen der periodischen 
Depressionen. Moderne Psychiater, und auch Möbius, wollten diese 
Formen als Andeutungen einer Cyklothymie ansprechen. Meine Psycho- 
analysen beweisen, dass es sich um heilbare, psychisch im ünbewussten 
motivierte Zustände handelt, dass man es nicht mit Psychosen, sondern 
nur mit Psycho-neurosen zu tun hat. Der Dipsomane ist ein gemüts- 
kranker Mensch, der seinen Gram im Alkohol ertränken will. 

u d i n e t bezeichnete das Leiden M u s s e t s als Hystero-Neurasthenie. 
Lassen wir die Neurasthenie bei Seite und wir haben dasjenige Krank- 
heitsbild, das so viele, ja ich könnte ruhig sagen, alle Dichter uns auf- 
weisen: eine Angsthysterie, wie ich sie bei zahlreichen Dichtern ana- 
lysiert habe. 

Manche Dichter litten auch an einer Zwangsneurose. Freud be- 
hauptet es von Zola. Kleine Züge von Zwangsneurose (Zweifel, 
Schwanken zwischen Hass und Liebe) finden wir bei allen Dichtern — 
besonders deutlich bei Grillparzer. 

Wahrlich ich habe genug Beispiele für das fast pathologische 
Sexualleben der Dichter erbracht. Doch wir kennen nur einen kleinen 
Bruchteil ihrer wahren Veranlagung. A priori mussten wir annehmen 
— sie wären wie alle Neurotiker — mit jenem Variationsbedürfhis der 
Liebe behaftet, die man fälschlich als , Perversität" bezeichnet. Freud 
sagt: „Die Neurose ist das Negativ der Perversion.* Bei manchen 
Dichtern sehen wir noch mehr als das Negativ. 

Der Dichter ist der typische Exhibitionist. Freilich in sublimierter 
Form. Er entblösst seine Seele und führt sie frierend auf den Markt. 
Alle Dichter sind Sadisten und Masochisten. wie alle Neurotiker. Sie 
empfinden einen Hochgenuss, wenn sie sich grausam martern und 
quälen. Sie kommen sich (in ihrem Leidem interessant vor, haben mit 
sich Mitleid und münzen diese Empfindungen zu Kunstwerken um. In der 
Kunst, sich zu quälen, werden sie grosse Meister. Sie sind immer von 
-Dämonen** besessen. 



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Dichtung und Neurose. 37 

Charles Baudelaire singt: 

Sans cesso ä mes cötes s'agite le demon : 
11 nage autour de moi corame en air impalbable: 
II l'avale et le sens qui brule mon poumon. 
Kt Templit d'un d^sir eternel et coupable. 

Doch vernehmen wir, wie unbegreiflich grausam dieser Poet, dessen 
Seele über „Düften schwebt" und mit „Gerüchen'* voltigiert, sein kann. 
Er steht eines Tages missmutig auf. Er öffnet das Fenster und sieht 
einen Glaser, den er ohne Grund zu hassen vermeint. Er gibt ihm ein 
Zeichen und lässt ihn die steilen sechs Stockwerke hinauf keuchen, 
wobei er Schadenfreude empfindet, dass der Mann grosse Mühe haben 
wird, mit der gebrechlichen Ware die finsteren Stufen emporzu klettern. 
Der Glaser erscheint und Baudelaire mustert neugierig alle Gläser. 
„Was?'* - schreit er — „Sie haben keine farbigen Gläser V Rosenrote, 
blaue, magische Gläser? Sie unverschämter Mensch! Sie wagen es im 
Armenviertel zu hausieren, und haben keine Gläser, die das Leben ver- 
schönern können?" Dann stösst er den armen Mann die Stiege hinunter. 
Zum Überfluss wirft er ihm noch von oben einen Blumentopf nach, 
der ihn niederwirft und die ganze armselige Ware vernichtet. Im 
Wahnsinn schreit er ihm noch die Worte nach: „La vie est beau!" 

Seine Lehre lautet: „Das einzige und höchste Vergnügen der Liebe 
ist die Sicherheit, Böses zu tun. Und sowohl der Mann als die Frau 
wissen, dass im Bösen die ganze Wollust verborgen ist." 

Es ist nicht schwer bei den meisten Dichtern sadistische und 
masochistische Motive nachzuweisen. Li Shakespeares Dramen waten 
wir durch ein Meer von Blut und was uns unzählige Lyriker von 
ihrem Leiden in unsterblichen Gesängen klagen, ist ausgemachter 
Masochismus. 

Im Mittelpunkte der Dichter-Neurosen steht, wie schon erwähnt, 
die Angst. Angstgefühle lassen sich bei allen Dichtern nachweisen. Sie 
äussern sich häufig als hypochondrische Angst, die um die eigene Gesund- 
heit zittert. In dieser Hinsicht stellen Goethe und Grillparzer fast 
Extreme dar. Die Angst kann sich auch in ängstlicher Befürchtung äussern, 
welche die Fähigkeit der Produktion in Zweifei zieht. Dafür liessen sich 
unzählige Beweise anführen. Auch darin ist G'rillparzer typisch, in 
dessen Tagebüchern diese Befürchtungen innner wieder auftauchen. 

Bei einzelnen Dichtem erreicht die Angst pathologische Grade. 
Von modernen Dichtern käme besonders Maupassant in Betracht. 
Aber sein Leiden (vergl. Dr. Gaston Voberg: Guy de Maupassants 
Krankheit. Wiesbaden, 1908) war eine progressive Paralyse auf Grund 
einer Lues. Allerdings bestand schon lange vorher eine Angsthysterie, 
welche sich in zahlreichen Symptomen äusserte. Es ist hier nicht der 



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SH W i 1 h e 1 m S t e k e 1 : Dichtung und Neurose. 

Ort auf die Frage der Kotnbination von Neurosen und organischen 
Gehirnkrankheiten exogener Natur einzugehen. 

Viel deutlicher zeigt sich die neurotische Angst bei August 
Strindberg, die dessen Pathograph S. Rahm er (August S tri ndberg. 
Eine pathologische Studie. München. Ernst Reinhardt, 1907) als 
Symptom einer typischen Melancholie auffasst. Die behandelnden Ärzte 
des Dichters sollen die Diagnose Paranoia gestellt haben. Für mich 
besteht ja kein Zweifel, daas es sich um eine schwere Angsthysterie 
gehandelt hat und handelt. 

Wie bei allen Dichtern findet sich bei Strindberg eine Neigung 
zum Mystisch-Pietistischen Darauf wollen wir noch zurückkommen. 
Die Schilderung der Angstanfalle in seinen letzten Werken würde jedem 
Lehrbuch der Angstzustände zur Zierde gereichen. 

Edgar Poe war ebenfalls der Dichter der Angstgefühle. Seine Panto- 
phobie soll zw.ir nach Antheaum e und Dromard *) die Folge der Alkohol- 
vergiftung gewesen sein. Ich glaube die Autoren verwechseln Ursache 
und Wirkung. Die Neurose erzeugt Depressionen und Angstzustände, 
zu deren Behebung das Individuum zum Alkohol und Morphium greift. 
Wie die meisten Dipsomanen hat Poe eigentlich kein Vergnügen am 
Trinken. Er irrt in der ^Machtlosigkeit der melancholischen Depression* 
durch die Nacht und verfallt dem Dämon Alkohol. Er kennt sein 
Leiden sehr genau: „Ich bin — sagt er — meiner Anlage nach sehr 
sensibel, ungewöhnlich nervös. Ich werde verrückt mit schrecklichen 
Intervallen von schrecklicher Klarheit. In den Anfällen absoluter 
Bewusstlosigkeit trinke ich. Natürlich schieben meine Feinde meine 
Verrücktheit auf den Alkohol, und nicht die Trunksucht auf die Ver- 
rücktheit.*' 

Auf die Angstanfalle Alfred de Mussets habe ich schon hin- 
gewiesen. 

Ursache aller dieser Angstgefühle ist die verdrängte übermächtige 
Sexualität. Werner Zacharias spricht es ja deutlich aus: 

,War das (ielüst mein Tagja^enoss, 
Mein Nacht gesell das (irauen." 

In meiner Monographie „Nervöse Angstzustände und ihre Behand- 
lung** habe ich diese Zusammenhänge des Ausführlichen dargestellt. 

1) .Poesie et folie.- Paris 1908. 



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Vll. 

Bei allen Neurotikern finden wir in der ersten Kindheit ungefähr 
zwischen 10 und 13 Jahren eine fromme Periode. Bei frühreifen Kindern 
tritt diese Periode noch früher — manchmal schon im 4. bis 6. Lebens- 
jahre — auf. Ihre Triebe kommen ihnen als sündhaft zum Bewusstsein 
und sie versuchen durch eine Flucht in die Religion sich über diese Triebe 
zu erheben, sich von ihnen zu befreien. Das ist die Zeit, da auch die 
Dichter ihre ersten religiösen Regungen empfinden. Später kommen sie 
meist zu einer weiteren und freieren Weltanschauung, welche das Mensch- 
liche menschlich wertet. 

Manche jedoch bleiben im Sündenbegriffe stecken. Sie können 
sich nicht von der Religion emanzipieren und haben nur ein Mittel, 
um den Seelenfrieden zu finden: Die Flucht in die Religion. Oder die 
llucht in die Mystik, in Theosophie, in den Spiritismus, Okkultismus, 
was ja im Grunde genommen auf dasselbe hinausläuft. 

Natürlich kommt diesem Verlangen nach „brünsfiger Reue** am 
besten der Katholizismus entgegen. Deshalb können wir bei den 
Dichtern, die nicht katholisch waren, eine auffallende Menge von 
Konvertiten beobachten. Viele Dichter neigen zur ekstatischen Frömmig- 
keit. Auff'allend häufig tritt die fronmie Periode nach einer atheistisch- 
freisinnigen auf. 

Das Christusproblem beschäftigt auch viele zeitgenössische Dichter. 
Ich verweise nur auf Tolstoi, Fogazzaro, Rosegger, Frenssen, 
Sienkiewicz, Wallace, Strindberg. Arne Gaborg, Suder- 
mann, Ibsen, Selma Lagerlöf, Paul Heyse und viele andere. 

Zu erwähnen wären als fromm gewordene Dichter: Friedrich 
Schlegel, Graf Stolberg, Zac ha rias Werner, Görres, Fran^ois 
Copp^, Paul Bourget, Huysmans, Heine, Börne, Verlaine, 
Raimund; Kleist (der für den Katholizismus schwärmte). Lope de 
Vega ging ins Kloster und auch der schwergeprüfte Oskar Wilde 
wurde vor seinem Tode katholisch. 

Interessante Aufschlüsse über die Psychologie des Konvertierens 
gibt uns Friedrich Ludwig Zacharias Werner, der Dichter, von 
dem Goethe behauptete: „Er ist ein sehr genialischer Mann, dereinem 



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40 Wilhelm Stokel: 

Neigung abgewinnt.** (Brief an Riemer vom 19. XII. 1807.) Dieser 
hochbegabte Mensch führte ein solch' tolles Leben, dass seine Gattin 
von ihm arg vernachlässigt wurde und früh ergraute. Er klagt sich 
selber an: „Es sei von dem jungen Weibe mit Recht nicht mehr zu 
fordern, dass sie glücklich sein solle. Ich bin wohl kein böser Mensch, 
aber ein Schwächling in vieler Hinsicht, ängstlich, launenhaft, geizig, 
unreinlich. Kann ich dafür, dass ich so bin?** 

Bald jedoch findet er, dass er ein arger Sünder wäre. Er zieht 
nach Rom, um Heilung von seinen Vorwürfen zu finden. Er sucht den 
Seelenfrieden. Wird es noch gelingen? Ist es nicht zu spät? Er singt: 

„Ihr kommt zu spät, ihr ewig jungen Lauben; 

Ach, hätt' ich früher euer Grün geschaut, 

Als nach des Lebens Morgen ihr gegraut! 

Ich kann nicht leben mehrl — ich kann nur glauben.* 

Er fällt vor Gott zerknirscht zu Boden : 

,Ich weiss es, Herr (o, werd ich's einst vergessen?), 
Dass wert ich bin, im Abgrund zu versinken. 
Den ich mir grub: die Wellen, die.-. dort blinken, 
Sind Mutterzähren, die ich aus tat pressen: 
Dieweil den Taumelbecher ich vermessen 
(Geziert, zur letzten Neige auszutrinken. 
Sind die Sirenen, die nach unten winken. 
Mir jetzt Harpyen. die am Mark mir fressen.' 

Wer denkt da nicht an Tolstois -Auferstehung**, an die Bussen 
Strindbergs,' an den fürchterlichen Aufschrei Platens? — 

^Ich blickte hinauf in die Nacht, in die Nacht 

Ich blickte hinunter aufs Neue: 

wehe, wie hast du die Tage verbracht, 

Nun stille du sacht 

In der Nacht, in der Nacht. 

Im pochenden Herzen die Reue." 

In seinen Tagebüchern schildert Werner den heissen Kampf, den 
er mit seinen Leidenschaften in Rom geführt: 

, Selbst in der sieben Hügel Schoss 
War das (ielüst mein Tag genoss. 
Mein Nachtgesell das (irauen ! 
Oehetzt, der alten Sünde treu 
Von Reu' zur Uier. von (xier zur Reu, 
Selbst auf den heil'gen Bergen 
Hab' ich gesündigt freventlich: 
Entwürdigt hab ich Rom und mich, 
Das will ich nicht verbergen." i) 



^) Näheres über Konvertiten in David August Rosen th als „KonvertiU'u- 
bilder". Regensburg 1889. 



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Dichtung und Neurose. 41 

Auch Friedrich von Schlegel, Adam Müller, Graf Stol- 
berg, Novalis haben eine ähnliche Wandlung durchgemacht. Novalis 
starb, ehe er seinen Plan der Konvertierung ausführen konnte. 

Wir sehen aus diesen Beispielen, wie sich die Krankengeschichten 
der Neurotiker mit den Biographien der Dichter decken. Wir finden 
alle Symptome der Hysterie, Verdrängung, Inzestphantasien, Angst- 
zustände, Perversionen, Ekelgefühle, Neigung zur Lüge und zur phan- 
tastischer Entstellung, Flucht in die Religion usw. Selbst der grosse^ 
hysterische Anfall fehlt nicht, wie das Beispiel Dosto je wskys beweist^ 
(Tim Sigaloff hält die Anfälle Dostojewskys irrtümlicher Weise 
für Epilepsie.*) „Die Krankheit Dostoj e wskys", München. Ernst 
Reinhardt 1902). Wir konstatieren fenier den wichtigen Einfluss 
des Milieus auf die Entstehung des Leidens. In die Kindheit reichen 
die Wurzeln des Leidens, das später das Herz des Dichters mit unsäglichen 
Qualen erfüllt, von denen er sich einem Vulkane gleich durch die 
Dichtung zu befreien sucht. Und es ergibt sich uns ein allgemein 
giltiger Grundsatz: Alle Dichter sind Neurotiker und die Neurose, an 
der sie kranken, ist immer wieder die Hysterie, dieses uralte, rätselhafte 
Leiden, ohne das die Menschheit nicht die Höhe jener Kultur erreicht 
hätte, die uns heute selbstverständlich erscheint und die doch das grösste 
aller Wunder darstellt. 

1) Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten Fälle von Hystero-Epilepsie^ 
einfache Hysterien sind. Die Kranken flüchten ans einer ihnen unerträglichen Welt 
in das Reich des ünbewussten. 



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VIII 
Analyse Ton ,,Der Traum, ein Leben^^. 

Wir haben die Zusammenhänge zwischen Traum und Dichtung im 
ersten Kapitel ausführlich dargelegt. Wir haben uns ferner bemüht 
nachzuweisen, jeder Dichter wäre ein Neurotiker und seine Konflikte 
wären die Folgen seiner Neurose. Wir haben bei zahlreichen Dichtem 
kleine und grosse neurotische Züge hervorgehoben. Es bleibt uns noch 
die Aufgabe übrig, an der Dichtung diesen Zusammenhang klarzulegen. 
Dies können wir natürlich nur an einem einzigen Werke tun. Wohin 
würde es führen, wollten wir auch hier durch die Fülle der Beispiele 
den Gegner zu überzeugen trachten?! 

Ich habe mir Grillparzers bekanntes Drama „Der Traum, ein 
Leben** als Aufgabe zur Analyse gestellt. Ich bin mir der Schwierigkeit 
des Themas wohl bewusst. An „Don Carlos** oder den „Geschwistern* 
die Zusammenhänge zwischen Dichtung und Neurose nachzuweisen, wäre 
viel leichter gewesen. Aber mich reizte der Traum, dessen Deutung 
im Berufe eines Psychotherapeuten eine wichtige Rolle spielt und täglich 
seinen Scharfsinn herausfordert. Sollte der Traum eines Dichters anders ge- 
artet sein, als die Träume der Menschen? Freud hat uns ja in einer 
glänzenden Analyse „Der Wahn und die Träume in Jensens Gradiva** ^) aus- 
geführt, wie trefflich ein Dichter die Natur nachzuahmen im stände ist. Was 
sage ich „Nachahmen ?** Es handelt sich ja um ein „Schaffen** I Doch Freud 
analysierte ein Kunstwerk ohne Rücksicht auf den Dichter. Mich interessiert 
beim Kunstwerk der dahinter steckende Mensch. Aus welchen Quellen 
strömten die Verse? Welche Beziehungen haben sie zu dem Charakter- 
bilde des Künstlers? 

Es war also eine bestimmte Absicht, wenn ich in den vorher- 
gehenden Kapiteln so viel von Grill parz er erzählt habe. Ich erspare 
mir jetzt hie und da die langatmigen Nachweise, die den stetigen Fluss 
unserer Untersuchungen hindern würden. 

Freilich Grillparzer hat uns diese Aufgabe nicht leicht gemacht. 
Er hat seine geheimen Gedanken so entstellt und verstellt, dass es 

*) Schriften zur angewandten Seelenkunde. Heft No. 1. Wien und Leipzig, 
Deu ticke. 



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Wilhelm Stekel: Dichtung und Neurose. 43 

grosser analytischer Kunst bedarf, um hinter dem objektiven Dichter 
den subjektiven Menschen herauszufinden. 

Hans Rau (Franz Örillparzer und sein Liebesleben, Berlin 1904) 
behauptet sogar, Grillparzer hülle seine Gefühle so in symbolische 
Betrachtungen, dass wir über die eigentliche Natur des Dichters nur 
wenig erführen. Niemals falle es dem Dichter ein, sich selbst als Gegen- 
stand des Gedichtes zu setzen. Während Goethe den Personen seiner 
Schöpfungen seine verborgensten Gedanken in den Mund lege, könnten 
wir aus den Werken Grillparzers nichts über den Dichter entnehmen. 
„Kein noch so scharfsinniger Literarhistoriker würde es fertig bringen, 
aus den Dramen Grillparzers etwas über den Charakter des Ver- 
fassers herauszulesen.^ 

Ich hoffe das Gegenteil zu erweisen. Grillparzers eigenes 
Schicksal steht im Mittelpunkte aller seiner Werke und ganz besonders 
im „Traum ein Leben''. Das ganze Drama ist eine Paraphrase seiner 
neurotischen Gedanken. 

Was bildet den schwersten Konflikt des Neurotikers? Der Gegen- 
satz zwischen der Maßlosigkeit seiner Wunschphantasien und der Enge 
der Wirklichkeiten. Was hatte Grillparzer nicht alles vom Leben 
erhofft! Und womit musste er sich bescheiden! Der Held unseres 
Dramas „Rustan" befindet sich in ähnlicher Lage. Er erstickt in der 
Kleinlichkeit einer Welt, die seinen überschüssigen Energien keine Abfuhr 
bietet. 

Wie 80 schal dünkt mich dies Leben, 

Wie so schal und jämmerlich! 

Stets das Heute nur des Gestern 

Und des Morgen flaches Bild : 

Freude, die mich nicht erfreuet, 

Leiden, das mich nicht betrübt, 

Und der Tag der stet« erneuet. 

Nichts doch, als sich selber gibt. 

O, wie anders dacht' ich's mir 

In entschwund'nen schönen Tagen. 

Man vergleiche diese Verse aus „Traum ein Leben* mit der nach- 
folgenden Tagebuchstelle. 

„Ich kann nicht länger mehr so fortleben! Dauert dieses unerträg*- 
liche. lauwarme Hinschleppen noch länger, so werde ich ein Opfer 
meiner Verhältnisse. Dieses schlappe, geistestötende Einerlei, dieses 
immerwährende Zweifeln an meinem eigenen Werte, dieses Sehnen meines 
Herzens nach Nahrung, ohne je befriedigt zu werden ; ich kann es nicht 
mehr aushalten. Darum fort, fort aus dieser Lage! Hinaus in die Welt, 
um diesen Trübsinn, wenn auch nicht zu stillen, aber doch wenigstens 
zu übertäuben. Im Getümmel der Welt, in andern Gegenden, von anderen 
Menschen umgeben, wird vielleicht mein Geist wieder die glückliche 



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44 Wilhelm Stekcl: 

Stimmung gewinnen, die mir die Tage meiner früheren Jugend so selig 
verfliessen machte: vielleicht, dass die Alpen der Schweiz in mir jenen 
Geist wieder wecken, der sich mit vollen Strömen in Blanka von Kastilien 
ergoss und der jetzt, von der Last meiner Laune niedergedrückt, auch 
nicht den kleinsten Versuch macht, sich wieder aufzurichten. Ja, hin 
nach der Schweiz! Himmlisches Land! Ja, in deinen Tälern, auf 
deinen Felsen will ich die Ruhe finden, die ich unter diesen ekelhaften, 
verkrüppelten, sauersüssen Geschöpfen verloren habe. Deiner Einwohner 
markichte Kraftworte sollen mich des nichtigen Geschwätzes dieser 
Halbmenschen vergessen machen ; jene heiligen Stätten will ich betreten, 
die ein Winkelried mit seinem Blute gefärbt, die ein Erlach mit seinen 
Taten verherrlicht. Fliehen will ich dieses Land der Erbärmlichkeit, 
des Despotismus und seines Begleiters, der dummen Stumpfheit, wo 
Verdienste mit der Elle der Anciennetät gemessen werden, wo man nichts 
zu geniessen können glaubt, als was essbar ist. und wo ein CoUin als 
Matador geachtet wird, wo Vernunft ein Verbrechen ist und Aufklärung 
der gefährlichste Feind des Staates .... höchstens die kahle Mittel- 
mäiäigkeit keimen lassen, das Ausgezeichnete aber ausrotten, weil sie 
fürchten, von ihm überwachsen zu werden. . Natur, warum liessest du 
mich gerade in diesem Lande geboren werden! — Doch was beklage 
ich mich! Wo sind die erträumten Vorzüge anderer Länder? Ist 
verkannt werden nicht überall das Los des Genies? Ist der Franzose 
nicht so sehr Sklave als der Österreicher, der Schweizer! — Ja, es ist 
so ! Auch der Schweizer, derselbe Schweizer, den der unsterbliche Müller 
malt, der in den Tagen bei Morgarten und Sempach seinen Namen über 
alle Völker setzte, auch er ist gefallen, auch er ist ein Sklave! Überall, 
wo ich mich hinwende, grinst mich das Gespenst menschlicher Ver- 
worfenheit an, auch in deinen Tälern paradiesische Schweiz, lebt ein 
Volk, das Müllers Taten seiner Voreltern lesen kann, ohne sich eine 
Kugel diu'ch den Kopf zu schiessen, das egoistisch und politisch und 
hinterlistig und fuchsschwänzelnd ist; es steckt in deinen Bergen, wie 
ein Affe in Alexanders Harnisch und trägt Ketten an den Händen, aus 
denen sonst des Ahnherrn Schlachtschwert Verderben auf die Freiheits- 
feinde herabblitzte! Auch du kannst mich nicht locken, Helvetien, mit 
deinen Gletschern und deinem Rheinfall und deiner Freiheitsmütze, an 
der die Schellen klingeln, wenn du sie bewegst Fahre wohl, du bist 
dahin! Du wirst mich nicht sehen. Ich könnte das Beinhaus bei 
Murten sehen wollen und ein französisches Wachthaus finden. Aber du 
nimm mich auf, seliges Eiland, das nur selten des Europäers verpestender 
Fuss betritt, an dessen Klippen die Gefahr wacht; dich scheint ein Gott 
abgerissen zu haben von der polizierten Erde, zur himmlischen Freistatt 
für den Müden, den die Geissei der Konvenienz aus dem Schosse seines 
Mutterlandes getrieben, nimm mich auf in deinem stillen Schoss, Ota- 



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Dichtung und Neurose. 45 

heiti, das wie ein Feenland meiner Phantasie vorschwebt, nach dem 
alle meine Wünsche fliegen und das ich mir in einsamen Stunden der 
Melancholie mit so reizenden Farben male. Gewähre mir eine Hütte 
für mich und Georg und ein Weib, das, auf deinen Fluren geboren, in 
ihres Gatten Glück ihre Seligkeit, in einem Büschel Federn all' ihre 
Wünsche erfüllt findet. Gib mir wenige Bäume, in deren Schatten ich 
ruhen kann, deren Früchte meine einfache Nahrung sind, und ich will 
froh die Hände zum Himmel heben und rufen: Ich bin glücklich! Ja, 
es ist fest beschlossen, ich reisse mich los von allem, was mich halten 
will. Kann man denn auf keinem anderen Wege glücklich werden, als 
auf diesem kotigen Fahrwege, auf den die Tritte aller dieser juridischen 
Lastesel eingedrückt sind ! Nein, nimmermehr! Ich kenne ein grösseres 
Glück als essen und mein Leben ist mir kein ^u hoher Preis für meine 
Ruhe.^ 

Die eingangs angeführten Verse Rustans verraten uns ähnlich wie 
die bereits angeführte Tagebuchstelle die ünzufrii^denheit Grillparzers 
mit seinem Leben. Er, der phantasiereiche Dichter, dessen Phantasie 
eine Welt der Abenteuer umfasst, musste das eintönige Dasein eines 
Beamten mitmachen, musste über langweilige Akten gebeugt, die kost- 
baren Stunden verrinnen lassen, während ihn ein ungestümer Tatendrang 
in die weite Welt rief War das nicht ein schwerer seelischer Konflikt, 
den er täglich neu mitmachen musste? Und doch sagte ihm eine 
innere Stimme, dass dieses ruhige Leben der strengen Pflichterfüllung 
einem wilden Treiben da draussen vorzuziehen wäre. Dieses sich Be- 
scheiden und sich Genügen drückt „Traum ein Leben" aus Der Dichter 
führt sich formlich in einem Traume alle Möglichkeiten vor Augen, die 
hätten entstehen können, wenn er seinem ungestümen Tatendrange 
nachgegeben hätte. 

Das Stück beginnt mit der Wirklichkeit. Massud, ein reicher 
Landmann, bewohnt mit seiner Tochter Mirza eine einfache Hütte, Rustan, 
sein NeflFe, liebt Mirza und soll ihr Gatte werden. Es ist nicht schwer 
zu erkennen, dass Massud zahlreiche Züge von Grillparzers Vater 
trägt, während Mirza offenbar eine Verdichtung seiner Mutter Marianne 
und seiner Kusine Marie Rizy darstellt, für die er sich einst lebhaft 
interessierte. Wer die Traumsprache kennt, den wird die Verdichtung 
des Namens Marie Rizy in Mirza nicht überraschen. Grillparzer 
entnahm den Stoff zu „Traum ein Leben '^ einer Novelle von Voltaire: 
„Der Schwarze und der Weisse**. Daselbst kommt ebenfalls der Name 
Mirza vor, jedoch in ganz anderer Bedeutung. Mirza heisst dort „ein 
Edler des Landes** ; Grillparzer annektierte den Namen offenbar wegen 
der Klangverwandtschaft für seine Heldin. 

Die Szene beginnt damit, dass Mirza ihrem Onkel Massud Klage 
führt, dass der einst so sanfte Rustan sich geändert und noch so spät 



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46 Wilhelm Stekel: 

am Abend in den Bergen jage. Auch Massud bestätigt es, dass seit 
einiger Zeit ein wilder Geist in ßustans düsteren Busen wohne und er 
nur von Kampf und Sieg träume. Mirza schiebt die Änderung seines 
Wesens auf seinen neuen Diener Z a n g a. Wir bemerken schon jetzt, 
dass Zanga offenbar nur dazu dient, das Unbewusste mit allen seinen 
dunklen Trieben und Instinkten zu personifizieren. Zanga ist die Personi- 
fikation des Bösen, gleich dem Mephisto im „ Faust •* ^). Die beiden 
Strömungen des Innern werden in diesem Stücke durch Rustan und 
Zanga dargestellt. 

Doch zurück zu unserer Handlung. Massud erzählt noch, dass 
Rustan mit Osmin Streit gesucht und nach ihm geschlagen habe. Wir 
werden erst im späteren Verlaufe unserer Analyse erkennen, wen dieser 
rätselhafte Osmin darstellen soll. Während Mirza und Massud in die 
Hütte verschwinden, erscheinen Zanga und Rustan. Zanga höhnt, Rustan 
werde heute von seinem Oheim Schelte hören müssen, weil er Osmin, 
dem frechen Jungen, der ihn höhnte, etwas unsanft mitgespielt. Darauf 
erwiderte Rustan: 

Glaubst Du, dass ich seine Worte, 

Seines Tadels Ausbruch scheue? 

Nimmer braucht ich zu erröten, 

Was ich tat, kann ich vertreten; 

Könnt' ich's nicht, ich war' nicht hier. 

Nicht der Schmerz, den mir sein Zürnen, 

Der, den es ihm selber kostet, 

Macht mich seinen Anblick fiieh'n. 

Könnt* er all' doch seine Sorge, 

Seine Angst um mich, mit einem. 

Einem Feuergusse strömen 

Auf dies un verwahrte Herz 

Und dann kalt und ruhig bleiben 

Bei des Wilden Tun und Treiben, 

Hier! er kühle seinen Schmerz. 

Aber, dass ich sehen muss. 

Wie der Nahverwandten Wünsche, 

(ileich entzügelt wilden Pferden, 

Nord- und südenwärts gespannt. 

An den Leichnam unsers Friedens, 

Rasch gespornt, zerfleischend reissen: 

Dass ich sehe, wie wir beide, 

Bürgern gleich aus fremden Zonen, 

Lang uns gegenüber stehn, 

Sprechen und uns nicht begreifen, 

Einer mit dem andern zürnend. 

Ob gleich Lieb in beider Herzen, 



1) Ähnliche Personifikationen des .ünbewussten" und ^Bewussten* sind Franz^ 
und Karl Moor, Clavigo und Carlos, D orian <Tray und sein Bildnis,. 
Othello und Jago, der , Teufel** von Molnar u. s. w. 



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Dichtung und Neurose. 47 

Weil, was Brot in einer Sprache, 
Gift heisst in des andern Zunge, 
Und der (iruss der frommen Lippe, 
Fluch scheint in dem fremden Ohr: 
Das ruft diesen Schmerz empor/ 

Diese Worte kennzeichnen deutlich das Verhältnis Grillparzers 
zu seinem Vater. Besonders der Ausruf, dass das Brot in einer Sprache 
Gift in der andern Zunge darstelle (Anspielung auf die Streitszene 
wegen des Dichtens!), kennzeichnet aufs schärfste das Verhältnis 
Grillparzers zu seinem Erzeuger. 

Allein das Unbewusste empört sich gegen die Konzessionen des 
Bewussten. Zanga empfiehlt Rustan aufreizend, sich der Sprache seines 
Oheims anzupassen. 

„Nun, so lernt denn seine Sprache, 

Er wird Eure nimmer lernen! 

Und wer weiss? An Lektionen 

Lässt's der alte Herr nicht fehlen. 

Bleibt im Land und nährt Euch redlich! 

Auch die Ruhe hat ihr Schönes." 

Man hört diesen Worten deutlich die Verspottung des strengen, 
rechtlichen, ja sogar übertrieben rechtlichen Advokaten Wenzel Grill- 
parzer an, der es seinem Sohne gegenüber wahrlich an Lektionen 
nicht hatte fehlen lassen. 

Zanga treibt die HoflFnungen Rustans durch den Hinweis auf den 
Fürsten von Samarkand aufs höchste. Er meint, der Herr Osmin's, eben 
jener Fürst von Samarkand, wäre auch einst des Dorfes Sohn gewesen ; 
jetzt sei er von Macht und Glanz umhüllt. 

«Ihr seid aus demselben Ton, 
Aus dem Glück die Männer bildet 
Für den Purpur, für den Thron.* 

Dies ist wohl eine Anspielung darauf, dass die Familie Grill- 
parzers von Bauern stammt; anderseits meint Reich ^) mit Recht, 
es wäre ein Hinweis auf Napoleon. Auch Napoleon, der es so weit 
gebracht, war eines Advokaten Sohn gleich Grillparze r. Immer 
verführerischer werden die Worte Zangas. Eine herrliche, grandiose 
Schilderung des Schlachtenlebens soll Rustan beweisen, dass das Leben 
nicht im Grübeln, sondern im Tun und Handeln liege. Wozu also 
länger zweifeln? (Grillparzers ganze Energie verzehrte sich in 
hypochondrischer Grübelei und das, was er am wenigstens durchsetzen 
konnte, war Tun und Handeln). 

Mirza und Massud erscheinen und Mirza, einen Streit der 
beiden Männer fürchtend, drängt sich zwischen Massud und Rustan, 
wie sie bemerkt, dass Rustan sich neben dem Alten niedersetzen 

1) Die Dramen Grillparzers. III. Auflage, 1908. 



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48 Wilhelm Stekel: 

will. Offenbar eine fieminiszenz an seine Mutter, die so oft einen 
Streit zwischen Vater und Sohn verhindert hatte. Es kommt die Wald- 
szene mit Osmin zur Sprache. Zanga erzählt, wie sich der Streit ab- 
gespielt. 

„ Mittag war os, und die Jäger, 

Von der Arbeit Last zu ruh'n, 

Kamen alle, wie sie pflegen, 

Auf dem Wiesengrund zusammen, 

Um am Rand der klaren Quelle, 

Mit des Weidsacks kargem Vorrat 

Und Gespräch sich zu erlaben. 

unter ihnen war Osmin, 

Ein verwöhnter trotz'ger Junge, 

Der von öl und Salben duftet, 

Wie 'nes Blumenhändlers Laden. 

Der tat denn gar breit und vornehm, 

Sprach von seinen Heldentaten, 

Seinem (ilticke bei den Weibern, 

Wie des Königs Tochter selber 

Bei der Tafel nach ihm schiele, 

Und was denn des Zeugs noch mehr. 
Jetzt möchte ich den Schleier lüften, der die dunkle Gestalt des 
Osmin umgibt. Osmin ist, wie wir später noch klarer ersehen werden, 
niemand anderer, als der Bruder Grillparzers, »Camillo**. 
(Ursprünglich hätte diese Gestalt „Sapor** heissen sollen.) Camillo, der 
dritte der Brüder unseres Dichters, wurde von der Mutter ausserordentlich 
verzärtelt und verhätschelt, hatte überhaupt einen weibischen Charakter, 
spielte gern, wie Grillparzer in der Selbstbiographie einzahlt, mit 
Puppen und Weiberröcken. Darauf beziehen sich die Worte Zangas: 
»Ein verwöhnter, trotz'ger Jimge, der von Öl und Salben duftet." Dass 
er nach des Königs Tochter selber schielt, wird uns erst später verständ- 
lich werden, wenn wir erfahren werden, wen die Tochter des Königs, 
Gülnare, darstellt. 

Die alte, namenlose Eifersucht Grillparzers auf den Liebling 
der Mutter bricht hier mächtig durch. Wie oft mag er sich gewünscht 
haben, den Jungen zu züchtigen; noch mehr, wie oft mag er selbst 
seinen Tod herbeigewünscht haben! Man erschrecke nicht über die^e 
Annahme. Wer die Seele der Neurotiker kennen gelernt hat, der wird 
wissen, dass dieses Spiel mit den Todesgedanken unendlich häufig ist, 
bei keiner Neurose fehlt und später eine schwere, unerschöpfliche Quelle 
peinigender Selbstvorwürfe wird. Allerdings ist diese Quelle nicht 
jedem Neurotiker bewusst, aber ich kann hier nur an das schöne Wort 
Grillparzers erinnern: „Jedes Herz hat seine Geheimnisse, die es vor 
sich selber ängstlich verbirgt. - 

Die Szene schreitet rüstig fort, Rustan verlangt stürmisch nach 
Freiheit; er muss hinaus. 



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Dichtung und Neurose. 49 

^Seht, mich duldet's hier nicht länger. 
Diese Ruhe, diese Stille, 
Lastend drückt sie meine Brust. 
Ich muss fort, ich muss hinaus, 
Muss die Flammen, die hier toben, 
Strömen in den freien Äther, 
Drücken diesen heissen Busen 
An des Feindes heisse Brust. 
Dass er in gewalt'gem Anstoss 
Breche oder sich entlade; 
Muss der aufgeregten Kraft 
Einen würd'gen Gegner suchen. 
Eh' sie gegen mich sich kehrt 
Und den eignen Herrn verzehrt. - 
Seht Ihr mich verwundert an? 
,.Nur ein Tor verhehlt den Brand." 
Spracht Ihr selber: lasst mich löschen. 
Gebt mir Urlaub und entlasst mich! 

Die Verse sagen uns klar, die Tatenlosigkeit, das Übermaß der 
Energien, verzehren Rustan. Alles Bitten von Massud und Mirza ist ver- 
gebens. Er will sofort in die Welt hinaus; schliesslich lässt er sich 
herbei vor dem Abschied noch eine Nacht im Hause zu verbleiben und 
die Worte eines alten Derwisch anzuhören. Nur ein kleiner Aufschub. 
Rustan ist entzückt, dass all das, was solange als Wunsch geschlummert, 
nun wachend vor ihn hintreten soll. Dabei ist er doch ängstlich und 
kann keinen Schlummer finden. Da erklingen Harfentöne, der alte 
Derwisch singt und Rustan spricht die herrlichen Worte des Gesanges nach : 

^Schatten sind des Lebens Güter, 
Schatten seiner Freuden Schar, 
Schatten, Worte, Wünsche, Taten, 
Die Gedanken nur sind wahr. 

Und die Liebe, die du fühlest, 
Und das Gute, das du tust 
Und kein Wachen, als im Schlafe, 
Wenn du einst im Grabe ruhst* 

Er sinkt in Schlummer, die Gegend verändert sich. Es erscheint 
eine grosse, goldglänzende Schlange, die sich immer höher emporrichtet, 
Diese Schlange, die offenbar aus der Zauberflöte, von deren grossem 
Eindruck Grillparzer berichtet, herübergenommen ist, ist wohl das 
bekannteste Symbol der Versuchung, insoferne sie aus dem Sexualleben 
stammt. Ich verweise nur auf die Schlange in der Bibel und in den Märchen. 
Riklin hat in seiner Schrift „Die Symbolik des Märchens* ^) diesen 
Zusammenhang aufs klarste beleuchtet. Wenn die Schlange zur Königs- 
tochter ins Bett kommt und geküsst wird, verwandelt sie sich in einen 
herrlichen Prinzen. Aus der symbolischen Sprache in die wirkliche 

4 Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr. 2. Wien und Leipzig. Deuticke. 
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LXV.) 4 



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50 Wilhelm Stekel: 

tibersetzt, heisst das: Wer den Ekel überwindet, der erhält durch die 
Macht der Liebe sein Königreich. Die Schlange ist also ein Symbol 
des männlichen (manchmal auch des weiblichen) Genitales. Hier am 
Schlüsse des ersten Aktes richtet sie sich unter dem Palmbaume mächtig 
empor, gewissermaßen andeutend, dass alles Streben und alle Tatkraft 
der Menschen aus den dunklen Urtiefen der Sexualität stammt ; wir erkennen, 
dass Rustan, wenn er ein Königreich erobern will, es deshalb tut, „um 
es seiner Schönen zu Füssen zu legen". Noch wahrscheinlicher und 
naheliegender, aber versteckter ist die Deutung, dass der ganze 
Eroberungszug darauf hinausgeht, die Königin selber, respektive wie es 
hier dargestellt wird, die Tochter des Königs zu erringen. 

Allein der Neurotiker hat keinen so unschuldigen Wunsch, den 
ihm der Traum schrankenlos ohne störende Affekte erfüllen könnte. 
Sündhaft sind seine Wünsche und deshalb verdrängt; aber jeder ver- 
drängte sexuelle Wunsch kehrt, wenn er aus dem Reiche des ünbewussten 
ins Bewusstsein emportaucht, mit einer schlimmen, hohlwangigen Be- 
gleiterin heim; es ist dies die Angst. Verdrängte sexuelle 
Wünsche werden Angstgefühle. So muss auch der Wunschtraum, 
der hier Rustan in Erfüllung geht, ein neurotischer Angsttraum werden. 
Soll ich hier schon verraten, wie weit die verbrecherischen Wünsche 
unseres Helden gehen? VieUeicht ahnt es der eine oder der andere 
Leser. Ich ziehe es vor, im Laufe des Traumes, bis das Beweismaterial 
tiberzeugender geworden, die volle Wahrheit auszusprechen. 

Der zweite Aufzug spielt in einer waldigen Gegend, deren Hinter- 
grund Felsen sind, die ein Bergstrom trennt und eine Brücke verbindet. 
Eigentlich kann ja eine Landschaft nicht anders beschaffen sein und 
doch trägt diese Schilderung einen so ausserordentlichen traumartigen 
Charakter, dass es den kundigen Psychoanalytiker dünkt, er habe es 
wirklich mit einem symbolischen Traumbilde zu tun. Ich will der Ver- 
suchung widerstehen, diese Landschaft in ihre symbolischen Beziehungen 
aufzulösen. Habe ich doch genug andere Dinge zu sagen, die den 
Widerstand meiner Leser herausfordern werden und „das Beste, was 
du weisst, darfst du den Buben doch nicht sagen** — wenn du von ihnen 
nicht verlacht und für einen Narren gehalten werden willst. 

Rustan freut sich der Freiheit und er erhält von Zanga eine Reihe von 
Lehren ; eine, er möge schon den Beginn seiner Taten reiflich überdenken. 

^ünsre Neigungen, Gedanken, 

Scheinen gleich sie ohne Schranken, 

Gehn doch, wie die Rinderherde, 

Eines in des andern Tritt, 

Drum, bei allem, was Ihr macht, 

Sei der Anfang reif bedacht, "i) 

') Praegnanter kann man die Lehre von Assoziationen kaum in einem 
poetischen Bilde ausdrücken! 



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Dichtung und Neurose. 61 

Zanga erzählt ferner, dass der Fürst aus Samarkand von seinem 
Feinde hart bedrängt sei und dass sich jetzt Gelegenheit böte, sich aus- 
zuzeichnen, entweder zu fallen oder zu siegen. 

^ Siegt Ihr, sprechen wir vom Lohne: 
Mancher fand so eine Krone/ 

Bald sollen diesen Worten Taten folgen. Ein glücklicher Zufall 

fügt es, dass der König in diesem Walde jagt und plötzlich um 

Hilfe ruft. Eine mächtige Schlange bedroht ihn. Rustan wirft den 

Speer nach dem Untier, ohne es zu treflFen. In demselben Momente 

erscheint auf dem Felsen ein Mann, in einen braunen Mantel gehüllt, 

der ihnen zuruft : „Schlechte Schützen!" Er durchbohrt die Schlange 

mit einem Wurfspiess, lacht noch höhnisch auf, spottet ihrer mit den 

Worten: 

^Schlechte Schützen! Lernt erst treffen"' 

und verschwindet von der Höhe. Der König erwacht aus seiner Ohn- 
macht, hält Rustan für seinen Retter und dankt ihm. Rustan, von 
Zanga aufgestachelt, wehrt den Dank nicht ab. Es erscheint Gülnare, 
die Tochter des Königs, deren Erscheinung auf Rustan einen grossen 
Eindruck macht. 

^ Zanga, jene Lichtgestalt, 

Sich um seinen Nacken schmiegend, 

Weich in Vaterarmen liegend: 

Wie sie atmet, wie sie glüht, 

Jede Fiber wogt und blüht!" — 

Nun weist her auf mich sein Blick, 

Danket mir der Rettung Glück, 

Zanga, nun nicht mehr zurück! 

Wär's am Rand mit meinen Tagen: 

Ich hab' jenes Tier erschlagen! 

Jene Ldchtgestalt, die weich in des Vaters Armen liegt, die Tochter 
des Königs, tritt in diesem letzten Entwürfe Grillparzers nicht 
besonders deutlich hervor. In früheren Entwürfen hat sie, wie aus dem 
fleissigen Werke von StephanHock: „Der Traum ein Leben" (Stuttgart 
und Berlin 1904), zu entnehmen ist, eine weit grössere Rolle gespielt. 
In dem Drama: ,Der Renegat von Breithaupt" verliebt sich der Held 
Sapor in seine Schwester und tötet seinen Vater. Die Schwester war 
wohl eine Verschiebung der Gedanken an die Mutter^), die Grillparzer 
so liebte, dass er in .schwerer Krankheit 1812 im Fieber ihre Stimme zu 
hören glaubte und all sein Sehnen nach ihr ging. 

Gülnare hat in diesem Stücke die Rolle der Mutter Grillparzers 
übernommen. In dem ersten Plane fand Rustan bei der Bewerbung um die 
Prinzessin einen Nebenbuhler Osmin (Camillo), dessen Ansprüche gerecht- 

^) Dieselbe Verschiebung macht auch in der „Ahnfrau" aus der Mutter die 
Schwester „Herta*, die der Held Jaromir Hebt. 



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52 Wilhelm Stekcl: 

fertigter waren, als die seinen. Rustan sollte damals Ismael ^) heissen. Ira 
zweiten Plane ist Ismael nicht mehr ^ihres Auges Lust und Gift*. Wie 
Stephan Hock treifend sagt: „Sie liebt nicht mehr den Träumer, wie 
die Prinzessin Voltaires oder die des ersten Planes, ihre Liebe gilt dem 
Mitbewerber" und weiter: ,Mit diesen Veränderungen geht auch eine 
leise Verschiebung in Rustans Wünschen Hand in Hand. Er strebt 
nun mindestens ebensosehr nach der Krone, wie nach der Braut, der 
liebeskranke Held Voltaires macht einem Ehrsüchtigen Platz/ Es ist 
Qrillparzer offenbar peinlich, seine Liebe zur Mutter, denn diese 
stellt ja Gülnare dar, so offen darzustellen. Auch nahm diese Liebe 
im Laufe der Jahre an Intensität, wenigstens was die erotischen Trieb- 
quellen anbelangt, entschieden ab. Deshalb soll in der nächsten Fassung 
Gülnare nicht für Rustan schwärmen, sondern für den „Kämmerling* 
(Camillo) Osmin. Der Hass gegen Osmin erhellt auch aus der Tage- 
buchstelle: „Neulich träumte mir von einem niedrigen, eigennützigen 
Streiche, den mir ... . spielte, und der mich tief verletzte. Früh- 
morgens, als ich noch im Bette lag, kam er selbst zu mir ins Zimmer. 
Ich kann den Hass nicht beschreiben, den ich noch vom Traume her 
gegen ihn fühlte. Ich konnte ihn kaum ansehen. Wie absurd ! Freilich 
lag die geträumte Unbill nicht ganz ausser des Mannes Charakter im 
Wachen.* 

Wieder werden die Pläne geändert. Die Liebe Rustans soll 
ganz zurücktreten und Gülnare reicht ihm nur widerwillig die Hand. 
In dieser zweiten Fassung weist die Prinzessin alle Männer ab: 

„Meine Tochter spröden Sinns, hatte stets verschmäht zu achten, 
wonach Jungfraun sonst wohl trachten, Manneswerbung, Mannesgruss. 
Sei's ein Fehler der Natur, sei es eine früh're Neigung, einer Jugend- 
liebe Träumen, rasch erstickt von mir im Keimen, die zurückliess solche 
Spur: Alle Freier, die ihr kamen, friedlich ihren Abschied nahmen." 
Hier wird der Mutter eine eisige Kälte angedichtet, vieUeicht aus allzu- 
durchsichtigen Motiven. In der dritten Fassung begeistert sie sich gleich 
für Rustan, „glüht vor Lust und vor Verlangen** und wirft sich dem 
Fremden förmlich an den Hals. 

Grillparzer kann auch bei dieser Fassung nicht verbleiben; er 
vrill Gülnare bald sentimental, bald wortkarg machen. Allein auch 
diese Änderung konnte dem Dichter nicht genügen, bis er sich zu der 
Darstellung entschliesst, wie wir sie hier in dem Drama haben, zu einer 
Fassung, in der die Prinzessin eigentlich ganz in den Hintergrund tritt 
und von einer Liebe Rustans zur Prinzessin kaum Erwähnung getan 
wird. In diesem Schwanken, die Gestalten in fester Form zu fassen und 



1) Man merke den Gleichklang der Vokale: Ismael und (irfllparzer. Der- 
gleichen Ähnlichkeiten spielen in Träumen eine grosse Rolle. 



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Dichtung und Neurose. 53 

dichterisch zu beleben, müssen wir ein getreues Spiegelbild der Strömungen 
im Innern Grillparzers vermuten, den eine mächtige Neigung zu 
seiner Mutter hinzog, eine Neigung, die er immer wieder energisch 
bekämpfte, die aber die tiefste Wurzel seiner Abneigung gegen seinen 
unüberwindlichen Rivalen, den Vater, bildet. 

Es ist dasselbe Motiv, das wir in „König Ödipus", in , Hamlet '*, 
in „Don Carlos** wiederfinden, dasselbe Motiv, das uns in der , Ahn- 
frau *" mit einer Verschiebung von der Mutter auf die Schwester so 
plastisch vor Augen tritt. 

Gülnare verlangt nun im weiteren Verlaufe der Handlung von 
Rustan, er möge sie gegen den mächtigen Gegner, den blutigen Chan 
von Tiflis schützen 

„Sei mein Schützer, sei mein Retter. 
Banne diese dunklen Wetter." 

Es ist, als ob die Mutter Grillparzers ihn ersuchen würde, 
nach dem Tode des Vaters ihr Schützer und Ketter zu sein und die 
dunklen Wetter der Not von ihr abzuwenden, was ja Grill parzer 
getreulich getan hat. wie die bereits erwähnte Stelle seiner Selbst- 
biographie beweist. Er betont ja, dass er ihr den Mann und den Be- 
schützer ersetzen musste. Gülnare zeigt auch einige neurotische Züge; 
sie kann die tote Schlange nicht sehen 

, Glaub nur nicht, mein edler Fremdling. 
Üa8s, ein schwach erbärmlich Weib 
Hinter dir so fern ich bleib! 
Oft hat man mich wohl gesehen 
Männlich die Gefahr bestehen. 
Eine (bleiche stand ich ihr: 
Doch das Widrige, das (irauen 
So verwirklicht anzuschauen. 
Nimmt entfremdend mich von mir.* 

Der Schauer der Hysterischen vor Schlangen und ähnlichen Tieren 
ist hier ausgezeichnet geschildert. 

,0, des Anblicks Machtgewalt 
Übt von neuem seine Mächte, 
O. verzeih e* dem Geschlechte. 
Das der Seele Kraft bezwingt, 
Kindisch solche Schauer bringt.* 

Viel verräterischer sind die Verse: 

,Vor dem Tot^n schütze mich: 
Lebt" es noch, ich zagte nicht.* 

Diese Verse können sich in ihrer unterbewussten Bedeutung nur 
auf den Vater Grillparzers beziehen. Den lebenden Mann hat sie 
nicht gefürchtet: die Vorwürfe des Toten verfolgen sie. 

König und Tochter entfernen sich ; man erkennt, dass Rustan zu 
grossen Taten ausersehen ist. Da erscheint der Mann vom Felsen, 



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54 Wilhelm Stekel: 

dessen Wurf die Schlange getötet. Er ist hinter dem Felsen hervor 
und in den Vordergrund rechts getreten. Er hat den ihn umhüllenden 
braunen Mantel auf die Moosbank gelegt und steht nun in kurzem, 
schwarzem Leibrocke, nackten Armen und Beinen, mit schwai*zem Bart 
und Haar, das Antlitz leichenblass, da. — Rustan empfindet ein tiefes 
Grauen. — Der rätselhafte Mann neigt sich zur Quelle und trinkt und 
plötzlich kommt Rustan wie ein Blitz die Erkenntnis, der Mann vom 
Felsen wäre sein Gegner, „Osmin, der Verweichlichte, Verwöhnte, der 
mich jüngst beim Jagen höhnte." Allein Zanga meint: „Seht doch 
nur den Bart, das Haar." Rustan spricht: 

„Du hafit recht, und es ist wahr 
Aber erst nur glich er ihm, 
Jeder Blick, mit neuer Lüge, 
Zeigt mir anders seine Züge. 
Was je greulich und verhasst. 
All in sich sein Anschaun fasst.* 

Wer aber kann dieser Mann sein, der Osmin auf ein Haar gleicht 
und doch nicht er ist? Doch nur der schon verstorbene Vater, dem 
sein Sohn Camillo gleicht. Deshalb erscheint er, das Antlitz leichen- 
blass, schwarzer Bart und Haar, nackte Arme und Beine. Der um- 
hüllende braune Mantel, der eine so grosse Rolle spielt und der schon 
einmal erwähnt wurde, ist der im Traume verblasste Purpurmantel, das 
Zeichen der Herrschaft. Der König im Traum bedeutet fast immer „der 
Vater •. Der Vater trägt den Purpurmantel, das Symbol seiner hohen Würde, 

Ursprünglich hatte sich Grillparzer mit der Idee getragen, ein 
Stück, „Der Purpurmanteh zu schreiben. Der Mantel, der, wie Hock 
nachweist, in Grillparze rs Werken eine so grosse Rolle spielt, hätte 
auch im Drama Pausanias eine grosse Bedeutung gehabt, so dass er 
dieses Drama den „ Purpurmantel *" nennen wollte. Jetzt verstehen 
wir, warum der Mann vom Felsen Osmin so gleicht, dass er dieselben 
verhassten Züge trägt. Es ist der Nebenbuhler Camillo, der die Züge 
des Vaters trägt, des verhassten Vaters, der Kustan dadurch reizt, dass 
er vor ihm mit vollen Zügen aus der Quelle (der Liebe?) trinkt. 

Der Mann vom Felsen will den Schauplatz der Handlung ver- 
lassen und erwidert mit klangloser Stimme auf die Frage, wohin er 
gehe, dass er „hin nach Hofe** gehe, um sich seinen Lohn für seine 
Tat zu suchen. Er schmäht Rustan, indem er ihm noch einmal die 
höhnenden Worte zuruft: 

^Arnie Schützen I Ha, ha. ha! 
Lernt erst treffen! Arme Schützen!'' 

Es ist, als ob er sich über die Impotenz Grillparzers, von der 
dieser ja an einer Stelle seines Tagebuches andeutungsweise spricht, und 
die sein Zurückweichen vor den Frauen im letzten Moment erklären würde, 
lustig machen würde. W^enn die Impotenz Grillparzers auch nicht 
aktewmäläig erwiesen werden kann, so spricht es doch nicht gegen sie, dass 



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Dichtung und Neurose. 55 

er mit verschiedenen Frauen Liebesverhältnisse angeknüpft und sie 
leidenschaftlich geliebt hatte. Es handelt sich ja in allen diesen Fällen 
um eine relative Impotenz, d. h. um vorübergehende seelische Hemmungen. 

Rustan versucht vergeblich, den „Mann vom Felsen ** (d. h. den 
Menschen mit dem Herzen von Stein) durch das Anerbieten, ihm den 
wertvollen Dolch zu schenken, milder zu stimmen und von seinem Vor- 
haben abzuhalten. Wieder drängt sich dem Träumer die auffallende 
Ähnlichkeit mit Osmin auf. 

, Gleicht er wieder nicht Osmin? 
Wenn er grinset, wenn er lacht.* 

Rustan drängt: 

y Mensch, was willst duV was begehrst du? 

(jreizest du nach Reichtum, Schätzen? 

Will dich in ein Goldmeer setzen. 

Giessen aus ob deinem Haupt, 

\\ as die Welt das Höchste glaubt. 

All dein W^ünschen, dein Verlangen, 

Eh's zu keimen angefangen. 

SoU's verwirklicht vor dir stehn. 

Sollst du's reif in Garben sehn/ 

Er will ihn mit Schätzen reich beladen. Diese Verse erinnern 
ausserordentlich an jene Glückwünsche, die Kinder an ihren Erzieher 
richten. Was die Welt das Höchste glaubt, All dein Wünschen, dein 
Verlangen u. s. w. Merken wir nicht die Ähnlichkeit mit den uns 
bekannten Geburtstagsbriefen Grillparzers?^) 

^) Sehr charakteristisch für das Verhältnis zwischen dem alten und jungen 
Grillparzer ist ein Brief aus seinem 17. Lebensjahre an seinen Vater. Er wird 
als Gegensatz zu meinen Ausführungen hier ein Schlaglicht auf das Verhältnis von 
den bewussten und unbewussten Wünschen werfen. Er lautet: 
Teuerster Vater! 
Dankbarkeit und kindliche Liebe fordern mich auf, die Feder zu ergreifen, 
um Ihnen die innigsten Gefühle meiner Seele aufzuschliessen, Gefühle, die gewiss 
mein Herz so sehr erfüllen, als sie je die Brust eines Sohnes erfüllten. 

Zwar nicht nur heute, sondern immer glüht die Liebe für Sie, teuerster Vater, 
in meinem Innern und strebt, sich durch Handlungen tätig zu zeigen, aber nie 
fühle ich sie inniger, als an dem heutigen Tage, wo eine durch ihr graues Alter, 
durch lange, verflossene Jahrhunderte geheiligte Gewohnheit jedes Kind verbindet, 
seinem Vater seine Gesinnungen zu entdecken. 

Ich bin überzeugt, Sie kennen mein Herz und ich glaube daher, nicht nötig 
zu haben, mit leerem Wortschall Ihnen zu sagen, was Sie gewiss schon ohnedem 
wissen : auch will ich nicht die Zeit und Papier mit Hinklecksung von Wünschen 
verderben, die man nur schreibt - um sie zu schreiben, denn Wünsche sind 
eitel und wenn der Vater aller Wesen eine Ui*sache Ihrer Beglückung sucht, so 
wird er sie eher in ihren Tugenden, als in meinen Wünschen finden, aber stets 
will ich mich bestreben, Ihnen durch mein Betragen Ihre noch übrigen Lebens- 
tage zu versüflsen. 

Leben Sie wohl und schenken Sie mir noch ferner Ihre Gnade und Liebe. 
Ich verbleibe mit aller Hochachtung 

Ihr gehorsamster Sohn Seraphin Grillparzer. 



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56 Wilhelm Stekel: 

Allein alles Flehen nützt nichts. Der Mann vom Felsen meint: 
^Langes Rinnen trübt die Melle: 
Ich trink' gerne aus der Quelle." 

Er beschreitet die Brücke und Rustan ringt mit ihm, wobei er in 
Lebensgefahr ausruft: 

.pSein Berühren ist Entmannen."* 

Diesen Ausruf zu erklären würde hier zu weit führen ; jedenfalls 
bricht die Hand des Vaters, wenn sie den Sohn berührt, jeden Wider- 
stand. In dem unheimlichen Ringen, das sich entspinnt, zieht Rustan^) 
auf Zangas Rat den Dolch und stösst den Fremden nieder, so dass er 
auf der Brücke niedersinkt. Halb emporgerichtet, verrät der zu Tode 
Getroffene die ganze Situation mit den Worten: 

, Kinderjahre ! Kinderjahre! 

Folgt der Unschuld Leichenbahre! 

Rustan, Rustan! Mirza, Rustan!*" 

Mit der Unschuld stirbt auch dem Kinde das reine Verhältnis zu 
seinem Vater. Den Lippen des Sterbenden entringen sich die letzten 
Worte: , Rustan, Rustan, Mirza, Rustan." So stirbt nur ein Vater, der 
auf seiner Totenbahre noch den Namen des Sohnes und den seiner 
Frau nennt. 

Rustan ist unglücklich; er wünscht, er wäre nie geboren. Allein 
die Hörner ertönen von Neuem, der König und Gülnare erscheinen und 
ein Kämmerer fordert ihn auf, mitzugehen.* Der Akt schliesst. 

Dieser erste Abschnitt des Traumes enthüllt uns sofort den schwersten 
Konflikt in des Dichters Brust. Ein tiefer unauslöschlicher Hass gegen 
Bruder und Vater. Er erschlägt seinen Vater, um sich den Weg zu 
seiner Mutter frei zu machen. Wie verständlich wird uns jetzt der 
Ausruf des Dichters in seinem Gedichte: „Die tragische Muse": »Heb' 
Dich hinweg, Entsetzliche Vatermörderin!" usw. Was Medea verbrochen, 
war ihm so verständlich, weil ähnliche, ja fast die gleichen Empfindungen, 
im wilden Sturm sein junges, krankes Herz durchtobten. 

Im nächsten Aufzug kehrt Rustan als Sieger aus den Schlachten 
über den Feind heim ; der König will ihm seine Tochter zur Frau geben 
und „was Nacht bisher erfüllt, glänzend, herrlich wirds erfüllt." 

Eines beunruhigt den König noch, dass er die Abkunft Rustans 
nicht kennt. Schon vorher hatte ja Rustan auf Zangas Betreiben andere 
Kleider angelegt, um so seine niedere Herkunft zu vervtdschen. Hier 
sehen wir die Andeutungen jener Phantasie, der so viele Menschen 
und alle Neurotiker Untertan sind. Es ist dies die Phantasie einer 
höheren Abstammung. Wenn der Vater ein Rivale in der Neigung zur 
Mutter ist, so wird dieser Konflikt am leichtesten dadurch gemildert, 

^) In den orientalischen Märchen heisst , Rustan^ gewöhnlich der Henker — 
ebenso in Hebbels ^Rubin". 



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Dichtung und Neurose. 57 

dass der Neurotiker die Phantasie hegt, er wäre gar nicht der Sohn 
seines Vaters, sondern der Sohn irgend eines reichen, vornehmen Herren,, 
eines Fürsten oder gar eines Königs. Dadurch wird der Vater seiner 
verwandtschaftlichen Rechte beraubt und lediglich ein Rivale; auch die 
Würde der Mutter, die ja durch den Traum höherer Abkunft gewisser- 
maßen zur Dirne gemacht wird, erleidet eine so bedeutende Einbusse, 
dass der ungeheuerliche Gedanke des Inzestes wenigstens den Schein 
einer Möglichkeit gewinnt. 

Der König glaubt, sich zu erinnern, dass sein Better ihm in der 
Stunde der Gefahr klein und bleich, in einem braunen Mantel gehüllt, 
mit scharfer, schneidender Stimme erschienen sei; allein er konstatiert 
mit Freuden, dass Rustan ihm heute viel schöner vorkommt, als damals 
in der Gefahr. Da hört man Klagetöne, die dem König ekelhaft er- 
scheinen und er ruft: 

^SSehaflFl sie fort, die ekle Stimme, 

Die Erinnerung mit ihr." 

(Eine Anspielung auf die Stimme des Vaters und den Namen, den 
Grill parzer gehasst hat). Die Stadt ist in Aufruhr, man hört vor 
den Toren lebhaftes Gemurmel. Der Leib des Ennordeten, der als Osmin 
erkannt worden ist, ist aufgefunden worden und sein alter Vater, hier 
Kaleb genannt, erscheint als Ankläger. Dieser Kaleb, der ursprünglich 
den König und dann Rustan des Mordes bezichtigt, der stumm ist. ist 
wieder kein Anderer als der tote Vater, der ja von Beruf aus Advokat 
und Ankläger war. Er erscheint eine Schrift emporhaltend und stumme 
Laute aussprechend. M Der König selbst des Mordes angeklagt, scheint 
zu durchblicken, dass Rustan der Mörder gewesen, er entsinnt sich nun, 
dass ein anderer den Speer geworfen und ihn gerettet und fordert 
Rustan zur Rechtfertigung auf. Rustan sucht seine Tat vor seinem 
Gewissen zu entschuldigen und findet jetzt das Benehmen des Königs 
schändlich, niedrig und greulich. 

, Nicht, dass ich den Manu erschlug! 
Hab' ich ihm den Tod gegeben. 
War's verteidigend mein Leben, 
War's, weil jener Brücke Pfad, 
Schmal und gleitend wohl genug, 
Einen nur von beiden trug/ 

1) Eine Überdeterniinierung macht aus Kaleb das stumme geknechtete Volk, 
das später wieder seine Stimme gewinnt. Kaleb dürfte aus „Ka" (im Wienerischen 
Dialekt so viel als „Kein") und „Leben" zusammengesetzt sein. „So ein Leben ist 
ka Leben" sagt mau in Wien. Sehr interessante Angaben über die Figur des 
Stummen finden sich bei Hock. Bedeutsam ist der Hinweis auf den stummen 
Sohn des Königs Krösus, der aus Angst die Sprache wiederfindet, als ein Krieger 
den König töten will. Er rettet so den Vater vor dem Tode. Ein sonderbarer Gegen- 
satz zu Rustan. Übrigens wollte Grillparzer auch einen „Krösus" schreiben, in dem 
diese Szene vorkommen sollt«. 



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58 Wilhelm Stekel: 

Zwei Menschen dürfen sich in der Liebe nicht teilen; die schmale 
und gleitende Brücke* darf nur einen von beiden Rivalen tragen. Soll 
er Alles aufgeben und auf die Liebe der Mutter verzichten? 
„Wonach heiss mein Wunsch getrachtet, 
Leibhaft, wirklich schau ich 's an. 
Und beim Griff der Hand umnachtet 
Mich ein gaukelhafter Wahn? 
Standen nicht der Vorzeit Helden 
Oft auf gleicher Zweifelbahn? 
«Tu's!** Hess Geist und Mut sich hören; 
„Tu's nicht!" rief das Herz sie an. 
Und sie Hessen sich betören. 
Um den Zaudrer war's getan: 
Oder tatens, und wir schwören 
Nun bei dem, was sie getan. '' 
Da erscheint nun Zanga und hinter ihm ein grau gekleidetes Weib, 
das einen Becher trägt. Sie spricht Rustan mit „mein Sohn" an und 
sie scheint dazu eine Berechtigung zu haben; denn virenn Mirza 
und Qülnare die Mutter als Heldengestalt personifizieren, ähnlich wie 
Massud und der König nur die frommen, milden Züge des Vaters tragen, 
so erscheint dieses grau gekleidete alte Weib als die Personifikation 
des Bösen in der Mutter. Sie spricht: 

^Ei, Sohn, bedenklich krank! 
, Wie glimmt wild Dein dunkles Auge. 
Wie zuckt gichterisch der Mund! 
(Üb die Hand mir. reich den Arm, 
Und ich deute Dir Dein Fieber.^ 
Rustan: ^Lass!*' 
Die Alte: -Wohl krank, ansteckend krank! 

Einer starb schon, der Dir nahte, 
Draussen liegt er auf dem Sand, 
Und der König fürchtet auch wohl, 
Dass Dein Übel ihn ergreife: 
Darum harrt er, weil mit Vorsatz, 
Will Dir Zeit, mein Söhnlein geben. 
Zu entweichen, zu entflieh'n." 
Sie empfiehlt ihm „den Becher des Giftes" zu verwenden und den 
König aus dem Leben zu schaffen, um so dem schweren Konflikte zu 
entgehen. Mit dämonischer Gewalt sucht die Alte ihm den Becher auf- 
zudrängen. 

.Hi, hi, hi ! Warum den Vorhang? 
Warum Decken denn und Hüllen,^) 
Wenn wir Rechtes nur erfüllen ? 
Ei, Du möchtest wohl den Trank, 
Aber auch, dass man Dich zwänge! 
Ei, ich zwinge niemand, Sohn!" 

1) „Du beklagst Dich, dass meine Briefe nicht herzlich genug geschrieben seien. 
So wie es Leute gibt, die ein bis in's übertriebene gehendes körperliches Scham- 



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Dichtung und Neurose. ^ 59 

Düstere Leidenschaften scheinen diese Worte zu diktieren. 

, Wohlgemut, mein teurer Sohnl 
Nicht die Hand vors Aug geschlagen! 
Was Dir kommt, das musst Du tragen, 
Eine Leiche, auf dem Thron/ 

Rustan will ihr den Becher zurückgeben. Dabei erfasst er den 
am Tische rechts stehenden Becher des Königs und drückt ihn der 
Alten in die Hand. Der Becher der Alten steht auf dem linken Tische. 
Diese symbolische Verwendung von links und rechts spielt in den 
Träumen der Neurotiker eine grosse Rolle. Alles, was rechts steht, 
bedeutet den „rechten^ Weg, den Weg der Pflicht, so auch der rechts 
stehende Becher des Königs. Das Verbrecherische wird im Traume durch 
„links* ausgedrückt. So spielt ein Inzest auf einer links abweichenden 
Strasse; ebenso drücken sich homosexuelle Neigungen durch Betonung 
des linken Pfades aus. Die beiden Becher symbolisieren die zwei Formen 
der Liebe. Die eine, die gesetzlich gestattete, rechtliche Liebe wird 
durch den rechts stehenden Becher des Königs dargestellt ; die verbotene, 
nur heimlich eingestandene Inzestliebe versinnbildlicht der links stehende 
Giftbecher. Die Alte trinkt den rechten Becher des Königs aus 
und ruft dabei jubelnd die Worte: „Wie das labt, wie das erquickt!* 
Freilich, sie hatte ein Recht, die Liebe des Gatten zu gemessen. Un- 
willkürlich fällt einem da die Szene ein, da der Mann vom Felsen sich 
zur Quelle bückt und trinkt; ein Bild, das die Phantasie des Dichters 
mächtig erregt. Der alte Hassgedanke gegen den Vater, von Eifersucht 
genährt, wird hier der Mutter in den Mund gelegt, die Rustan als 
^Die Alte** mit „mein Sohn'' anspricht. 

Das Verbrechen ist vorbereitet. Aber Rustan schwankt noch, wie 
er ja in dem ganzen Traume mehr zum Verbrechen getrieben wird, als 
ein passiver Träumer, nicht eine keck zugreifende Verbrechernatur. 
Eigentlich ist er noch immer ein Unschuldiger. ^ 

gefühl haben, so wohnt mir ein gewisses Schamgefühl der Empfindung bei : ich mag 
meinen inneren Menschen nicht nackt zeigen und die grösste Aufgabe für diejenigen, 
die mit mir umgehen wollen, ist es. dieses Oefühl zu überwinden und mir Herzens- 
ergiessungen möglich zu machen. Dieses Zurückhalten der Äusserungen der Sensi- 
bilität hat zwar allerdings die üble Folge, djuss (wie denn alles durch die Nicht- 
übung abnimmt) auch die Erregbarkeit des Herzens nach und nach sich schwächt, 
aber sie bleibt doch immer da und wer mich zu fassen wüsste, würde sich sehr 
wundem, mich früher für kalt gehalten zu haben. ^ -- Aus einem Briefe. 

*) Eine bezeichnende Tagebuchstelle (145), die sich auch auf eine Vergiftung 
bezieht: ^Wie sonderbar, ja beinahe eigentlich mechanisch die Einmischung der 
Erinnerung in die Träume ist, erfuhr ich heute wieder. Ich träumte gegen Morgen, 
dass ich Verse lese, die mein Bruder Karl auf eine „Frau Martine *' gemacht hätte. 
Unmittelbar darüber aufgewacht, kam mir an dem Traume nichts sonderbar vor, 
als der Name Martine, den ich niemals weder gehört zu haben mich erinnerte, 
noch als irgend in der Welt vorkommend mir wahrscheinlich machen konnte. Noch 



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60 Wilhelm Stekel: 

Der König erscheint und nimmt Rustan scharf ins Verhör. Er 
verteidigt sich, aber mit Worten, die ebenso gut an die Adresse seiner 
Mutter als an die des Königs gehen können. Auch der König erhält 
oflFenbar durch Umkehrung Züge der Mutter. Rustan wirft ihm direkt 
seine Undankbarkeit vor. 

„Tat'flt Du dem Verblichnen Unrecht, 
Tu' nicht Gleiches dem Lebend'gen. 
Was soll mir die tote Schrift? 
Lass Dir meine Taten sprechen! 
Wer schlug jene blut'ge Schlacht, 
Die Dir Heil und Sieg gebracht? 
Wer befestigte die Krone, 
Halb von einem Feind geraubt, 
Wieder Dir auf Deinem Haupt? 

Es ist, als ob Grilliparzer seiner Mutter sagen würde: ^Wenn 
du schon dem Vater Unrecht getan hast, mir gegenüber darfst du nicht 
das Gleiche tun. Ich habe ja die Last des ganzen Hauses auf mich 
genommen, um dich erhalten zu können. Ich wurde Beamter, nur um 
dich nicht in Not geraten zu lassen. '^ 

Der König jedoch setzt die Untersuchung fort; während derselben 
ergreift er den Giftbecher, trinkt ihn in schlürfenden Zügen, lobt seine 
Stärke und Würzigkeit und beginnt die Anklageschrift Kalebs zu lesen,, 
die zugleich die Verteidigungsschrift Osmins darstellt. 

^An den Quellen des Wahia 

Lebt' ich einsam, ein Verbannter, 

Nah' des alten Massud Hause." 

Also schreibt Dein armer Sohn 

In dem ersten seiner Blätter: 

^ 8ah dort Mirza, seine Tochter, 

Sie, die einz'ge, die vergleichbar. 

Nahe mind'stens kommt Gülnaren, 

Meines Herrn erlauchter Tochter." 

Hier wird ausgesprochen, dass Mirza und öülnare die gleichen 
Personen sind. So wie Osmin dem Mann vom Felsen ähnelt, da er 
der Sohn des Vaters ist (Camillo und der alte Grillparzer), gleicht 

über den Gang der Phantasie bei PMndung dieses Namens nachgrübelnd, setzte ich 
mich zum Frühstück, während dessen ich im Tacitus las. Einen vergessenen Um- 
stand nachzuholen, schlug ich eine gute Anzahl Blätter zurück, bis zum Tode des 
Grermanicus, den ich vor mehreren Tagen gelesen, und siehe da! Die Frau, deren sich 
Piso zur Vergiftung von Augustus Enkel bedient haben soll — hiess Martina. 
Ich hatte, bei meinem schlechten Gedächtnisse diesen Umstand so rein vergessen, 
dass selbst die Wiederholung des Namens im Traume mir nicht einmal die dunkle 
Erinnerung zurückführte, ihn schon einmal im Leben gehört zu haben, und — der 
Traum wusste, was mir selbst unbekannt war." Auch hier muss ich auf die Ähn- 
lichkeit von Martine und Marianne aufmerksam machen. 



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Dichtung und Neurose. Öl 

Mirza (die Kusine Marie Rizy und die Mutter) Gülnaren, hinter 
welcher sich wieder niemand anderer verbirgt, als die Mutter Grillparzers. 
Wundersamer Weise ist in der Dichtung zum Ausdruck gebracht, dass 
alle Personen einander nahe stehen und ihre Schicksale durch einander 
gewebt sind. Der König liest weiter: 

^Rustan, Rustan wilder Jäger! 
Warum quälst Du Deine Liebe, 
Suchst auf unbetretnen Pfaden 
Ein noch zweifelhaft Geschick." 

Es ist, als ob Kaleb und Osmin von Rustans verbrecherischen 
Absichten wissen würden. Dahinter steckt die Angst, der verstorbene 
Vater und Camillo könnten es ahnen, dass der Dichter in krankhafter 
Weise von Inzestgedanken gepeinigt werde, dass er seine „Liebe** quäle 
(wohl ein Hinweis auf Katharina Fröhlich) und auf unbetretenen 
Pfaden ein zweifelhaftes Geschick suche. 

Wie ein Blitz erleuchtet nun eine V^ision den inneren Zusammen- 
hang des Dramas. Denn die Vorhänge werden durchsichtig, man sieht 
Mirza und vor ihr steht ein Greis, in Gestalt und Kleidung ganz dem 
alten Kaleb ähnlich. Rustan ist betroffen von der Ähnlichkeit, fährt 
zusammen und zeigt mit beiden Händen auf die beiden Greise. Es ist 
ihm einen Moment klar, dass er dort sein EUternpaar sieht und dass 
dieser Greis, der ihn vor dem König (vielleicht dem höchsten König, 
der Gottheit !) des Mordes anklagt, ebenfalls sein Vater ist. Der König 
liest weiter: 

„Rustan, Rustan, wilder Jäger, 

Kehr zurück auf deinen Pfaden! 

Was ist Ruhm, der Grösse Glück? 

Sieh' auf mich! Weil ich getrachtet 

Nach zu Hohem, nach Verbotnem, 

Irr ich hier in dieser Wüste, 

Freigestellt das nackte Leben, 

Jedes Meuchelmörders Dolch." 

Auch hier erfahren wir durch das Geständnis Osmins, Camillo habe 
dasselbe Schicksal gehabt, weil er nach „zu Hohem "" getrachtet habe. 

Es erscheint an dieser Stelle ein Hinweis auf das traunge Los 
GamiUos angebracht. Es ist, als ob der Dichter mit scharf durch- 
dringendem, seherischem Auge die Grundlagen der Neurose Camillos 
durchschauen würde, jenes Seelenkranken, der in einem Brief an Grill- 
parzer darüber klagt, er habe mehr gelitten, als Millionen Menschen 
erfahren haben. Es sei ihm keine Geliebte untreu geworden, er habe 
kein Vermögen verloren, sei keines Amtes entsetzt worden, der Verlust 
seiner Mutter und seines Bruders sei ihm nicht bestimmt worden! Und 
dennoch sei sein Schmerz so übermäßig, als wenn alle diese ünglücks- 



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62 Wilhelm Stekel: 

falle ihn getroffen hätten, weil er die Ursache des Unglückes begreife 
und ohne Unterbrechung mit ihm im Kampfe sei. Und er ersucht den 
Bruder, eine Träne des Mitleids über ihn zu weinen. 

So war es im Leben. Im Drama blitzen ähnliche Gedanken auf Das 
Schicksal des Bruders dient als Warnung und zur Verstärkung dieser War- 
nung erscheint der Mann, der die Züge Camillos und des Vaters trägt. 
Es zeigt sich hell beleuchtet der Mann vom Felsen. Der braune Mantel 
hängt nachschleppend über der rechten Schulter, an der linken ent- 
blössten Brust nagt eine Natter, die er in der Hand hält. Es sind die 
Vorwürfe, die sich Camillo und Franz machen, offenbar wegen der 
schweren Inzestgedanken. Es ist dies ein Vorgang, den Freud „Ver- 
schiebung" genannt hat. Die Gefühle, die das Herz des Träumers, 
Rustan bewegen, werden auf eine andere Person des Träumers, den 
Vater, projiziert. Der Mann vom Felsen will die Schlange nach Rustan 
werfen, der vor Entsetzen niederstürzt. 

Das Verhängnis naht mit unaufhaltsamen Schritten. Der König 
merkt, dass er vergiftet ist imd verlangt von Rustan den echten Becher. 
Die Alte kommt hinter den Vorhängen des Ruhebettes hervor und will 
den echten Becher dem Könige zurollen lassen. Rustan ergreift ihn, 
spielt geistesabwesend mit dem Becher , während der König, die 
Täuschung erkennend, unter Vorwürfen und Schmerzeslauten stirbt. 
Rustan, der Königs- — der Vatermörder — vergleicht beide Becher. 
Wie ähnlich sie einander sind. Er kann sie nicht unterscheiden! Alles 
ist doch Liebe! Wo hört die kindliche Zärtlichkeit auf und beginnt 
die verbotene Neigung? Wie soll er die verbrecherische Liebe von der 
reinen differenzieren! 

Zanga ruft ihm zu, alles wäre jetzt verloren. Rustan bittet Zanga 
um den Tod, bevor er gefangen genommen würde. 

^Nun, so halt bereit Dein Messer, 
Und wenn sie mich greifen, Zanga, 
Stoss von rückwärts mir's in Leib. 
Hörst Du wohl? Von rückwärts, Zanga 
Und wenn alles erst verloren."* 

Diese doppelte Betonung, dass der Stoss von rückwärts erfolgen 
sollte, soll wohl die Feigheit des Helden, der dem Tod nicht ins Auge 
sehen kann, klarlegen, andrerseits drängt sich die Vermutung auf, dass 
es sich gleich wie bei der Szene, da der Vater nach ihm die Schlange 
wirft, um homosexuelle Phantasien handelt, von denen ja kein Mensch, 
am allerwenigstens der Neurotiker frei ist. 

Gülnare, die nun alleinstehende Königstochter, die Herrscherin des 
Reiches, kommt, um Ordnung zu machen. Sie kniet vor Bustan nieder, 
da sie der Meinung ist, der alte Kaleb habe den König ermordet. 



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Dichtung und Neurose. 63- 

„Herr, o stoss mich nicht zurück! 
Deinen Namen auf den Lippen. 
Starb der gute, alte Vater, 
Gleich, als wollt' er seine Liebe, 
Sein Vertrauen auf Deinen Beistand 
Noch im Abschied von dem Leben 
Mir als letzte Erbschaft geben: 
„Rustan"*. sprach er und verschied, i) 
Und so fleh' ich denn im Staube: 
Nimm die Einsame, Verlassne, 
Einst bestimmt zu näheren Bauden, 
Nimm sie auf in Deinen Schutz ! 

Wieder sehen wir einen Hinweis auf die schon erwähnte Todes- 
szene des Vaters, der mit den Worten: „Zu spät!" den Blick auf Grill- 
parzer gerichtet aus dem Leben schied, während der stumme Blick 
der Mutter ihn um Schutz und Beistand anzuflehen schien. Doch das 
Unheil schreitet weiter. Kaleb wird ins Gefängnis abgeführt; die 
sich gegen Gülnare empörenden Krieger beugen auf Rustans Befehl die 
Knie vor ihrer neuen Herrscherin. 

Der vierte Aufzug^ führt eine Verschwörung gegen Rustan auf die 
Szene. Das aufgewühlte Volk will die willkürliche Herrschaft des 
Emporkömmlings Rustan nicht mehr tragen. Dieser gerät im Königs- 
palast in Streit mit den Empörten, der Lärm dringt der Königin Gülnare 
zu Ohren und sie tritt hervor, um Ordnung zu schaffen. Sie hört die 
Rustan schwer belastenden Anklagen Karkhans, des Führers der Bewegung, 
und gibt den Auftrag, den alten Kaleb aus dem Kerker zu holen. Dieser 
hätte aber auf Rustans Befehl von Zanga im Kerker ermordet werden 
sollen. Wir haben schon einmal erwähnt, dass Kaleb ebenfalls eine 
Personifikation des toten Vaters ist, der jetzt nicht mehr sprechen kann. 
Wieder kreisen einförmig, wie eine Zwangsvorstellung, die Gedanken des 
Dichters um den Vatermord. ^) 

1) So starb auch .,der Mann vom Felsen." 

2) Interessant ist folgende Aufzeichnung Orillparzers : , Durch die Misstimmung 
bei der Ausführung haben die mittleren Akte das Traumartige verloren, das in der 
ursprünglichen Intention lag. Das (Tanze bekommt immer mehr die Farbe einer 
Kriminalgeschichte.' (Nr. 12U.) 

3) Der Tod des Vaters beschäftigt den Dichter noch sehr lange. So bemerkt 
er in seinem Tagebuche: -Als mein Vater öt«rb. glaubte ich die acht ersten Tage 
hindurch, es sei im nächst vergangenen Augenblick geschehen: nach Verlauf von 
acht Tagen dünkte mich, es sei schon ein Jahr verstrichen, und jetzt, nach drei 
Jahren, sehe ich auf jene schmerzliche Begebenheit wie auf etwas, das im grauen 
Altertum geschah und das man mir in meiner Kindheit erzählte, zurück " Offen- 
bar das Bestreben, eine peinliche Begebenheit recht weit nach rückwärts zu 
verlegen. — Eine andere Tagebuchstelle bringt ein interessantes „Versprechen'', das 
sich wahrscheinlich auf die Mutter bezieht und seine Erklärung in einem Zwiespalt 
der (Tefühle. in einer innern Unaufricbtigkeit finden dürfte. Sie lautet: 



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^4 Wilhelm Stekel: 

Zanga war zu spät gekommen und Kaleb wird lebend vorgeführt. 
Fast kommt Kustan mit Zanga auseinander und will ihn der Wut 
des Volkes preisgeben. Auf eine Drohung Zangas, er werde Alles 
verraten, kriecht Rustan zu Kreuze und gelobt ihm einen evrigen, 
treuen Bund. Hier zeigt sich der Charakter Rustans, der bisher trotz 
aller Verbrechen, zu denen er mehr gedrängt wurde, zum erstenmal 
in einfältiger Niedrigkeit. Er kennt jetzt nur ein Sinnen und Trachten, 
sich selbst zu retten und fordert den stummen Kaleb auf, den Mörder 
zu zeigen. Es ist das letzte Spiel der Verzweiflung. Er weist auf alle 
anwesenden Personen. Wer ist der Mörder? Jener? Der dort? 
Dieser? Er möge doch reden! Da richtet sich der stumme, alte Kaleb 
empor und stammelt mit höchster Anstrengung: „Du!'* Als Rustan 
nochmals in ihn drängt, spricht er es deutlich aus: „Rustan!* 

Jetzt hat der Angsttraum den AflFekt aufs höchste getrieben. Rustan 
ist als Mörder entlarvt. Ein günstiger Ausgang des Abenteuers scheint 

jetzt ausgeschlossen. Der Träumer ist verloren Und jetzt tritt 

in diesem Dichtertraum ein, was im neurotischen Angsttraume immer 
das Ende ist. Wenn die Angst am höchsten ist, wenn die Affekte eine 
Höhe erreicht haben, die sich nicht mehr tragen lässt, so tritt das Er- 
wachen ein und der Träumer merkt noch leise schauernd, dass alles 
nur ein Traum gewesen. Auch hier schlägt die Uhr drei, Rustan dehnt 
sich und spricht: 

^ Horch! es schlägt! Drei Uhr vor Tage, 

Kurze Zeit, so ist's vorüber! 

Und ich dehne mich und schüttle, 

Morgenluft weht um die Stime. 

Kommt der Tag, ist alles klar. 

Und ich bin dann kein Verbrecher. 

Nein, bin wieder, der ich war.* 

Man glaubt, der Traum gehe nun zu Ende, aber es war nur ein kurzes 
Erwachen; Rustan träumt weiter. 

Eine Dienerin der Königin hält er für die Muhme Mirza; 
wieder verschmelzen Mirza, Gülnare, die Mutter und die Kusine zu 



^Jüngst gegen Mitternacht, als ich, im Bette liegend, die Lichter ausgelöscht 
hatte und, schon halb übermannt, den Schlaf erwartete, hörte ich auf einmal das 
sogenannte Zügenglöckleiu anziehen. Zugleich kam mir, halb träumend, der Augen- 
blick zurück, wie ich, vor dem Bette meines sterbenden Vaters stehend, dasselbe 
Glöcklein läuten hörte, alle Christen auffordernd, zu beten für den im Todeskampfe 
ringenden geliebten Mann. Eine unbeschreibliche Wehmut ergriff mich. Am Bette 
meines Vaters hatte ich nicht mitgebetet, aber jetzt sagt^ ich zu mir selbst: ^Wer 
weiss, ob es nicht doch hilft", und fing an ein Vaterunser zu beten. Beim Ave 
Maria verwechselte ich die Gesätze, so dass ich mit dem zweiten Absatz begann 
und mit dem Anfang: ftegrüsst seist du u. s. w., eben schliessen wollte, als ich die 
Verwechslung gewahr wurde. Ich weiss noch, dass ich mich schämte, bis zu einem 
solchen Grade der Vergessenheit gekommen zu sein und dass ich das Ave Maria von 
neuem zu beten anfangen wollte, aber da schlief ich ganz ein." 



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Dichtung und Neurose. 65 

einem Bilde. Unser Held steht also da in höchster Bedrängnis. 
Es soll zum Kampf kommen, die Krieger teilen sich für und gegen 
Rustan, der das Schwert zieht, um in trotziger, aufflammender 
Rücksichtslosigkeit sich die Freiheit zu erobern. Gülnare bietet sich 
seinem Schwerte an und ruft ihm zu: 

^ Diese nicht: sie sind nur Diener: 
Triff mich seiher, hast du MutI" 

Und was antwortet Rustan darauf? Ein paar kurze, aber charakteristische 
Worte: „Alle, nur nicht Dich!" 

Wieder müssen wir auf die SymboUk des Traumes zurückgreifen. 
Fechten und Kämpfen heisst in der Sprache des Traumes einen Ge- 
schlechtsakt vollziehen. Wenn das Kind Erwachsene beim Liebesaktie 
sieht, so wähnt es, sie raufen miteinander. Mit Säbel oder Messer auf 
eine Frau stürzen, bedeutet so viel, als ihrer Ehre nahe treten, als sie 
körperlich besitzen wroUen, wobei Säbel und Messer Genitalbedeutung 
haben. Eigentlich wiederholt sich hier dieselbe Szene, die „die Alte" auf- 
geführt hat, als sie ihn fragte, ob sie ihn „zwingen" solle. Hier stellt 
sich Gülnare seinem Schwerte, aber Rustan weiss, was seine Pflicht ist. 
Alle darf er besitzen, alle darf er lieben, nur die eine nicht; das wäre 
das ungeheuerlichste Verbrechen, dessen ein Mensch fähig sein kann. 
Deshalb dieses Zurückweichen und der Ausruf: „Alle, nur nicht 
dich!" Zanga hat mittlerweile das Schloss in Brand gesteckt, d. hi 
die Leidenschaften brennen lichterloh, es gibt vor ihnen nur eine, 
einzige Rettung : Entfliehen ! 

Zur Beruhigung des Lesers wird der Traum unterbrochen, wir 
sehen vrieder Mirza, die die stöhnende Stimme des träumenden 
Rustan vernommen hat. Massuds Stimme wird nur hinter der Szene 
gehört, wie überhaupt in dieser Stelle der Dichtung das keusche 
Wesen Mirzas auflkllend betont wird. Sie sieht ihren Vater nicht 
und als er die Tür öifnet, bemerkt sie, dass er schon gekleidet 
ist. ^ Schon vom Lager, schon gekleidet?" Das ist wohl ein Hinweis 
auf Marie Rizy, deren Frömmigkeit und Zurückhaltung ja die Ursache 
war, dass sie ins Kloster ging und „eingekleidet" wurde. Ihr grübt 
lerisches Wesen scheint ihn an die Mutter erinnert zu haben, was ja 
auch für den Normalnienschen das grösste Lob darstellt, das man einer 
Frau spenden kann. 

Mirza betet zu Gott, dass er den teueren Mann schützen möge; 
sehr kennzeichnend bittet sie auch um Schutz vor bösen Gedanken. 

^ Nicht vor Leiden nur und Nöten, 
Auch vor Wünschen und (ledanken, 
Dass kein Unheil mir ihn anficht, 
Bis mein Innres wieder hei ihm, 
Und ich wieder beten kann." 
Grenzfragen dee Nerven- nnd Seelenlebens. (Heft LXV.) 5 



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66 Wilhelm Stekel; 

Nachdem so der Hörer beruhigt wurde, dass es sich nur um einen 
Traum handelt, sehen wir dieselbe Waldgegend und die nämliche Brücke, 
auf der der Mann vom Felsen heruntergestürzt wurde. Zanga hält 
Abrechnung mit Rustan ; das ünbewusste empört sich gegen das Bewusst- 
sein. Kustan weist ihn zurecht, er wäre nur ein Diener, ein Stifter 
der Frevel gewesen. Das bringt Zanga zum Lachen. Er spricht: 

Reifer? Stifter? Das vielleicht! 
Aber Diener? Lass mich lachen! 
Wessen Diener? Wo der. Herr? 
Bist du nicht herabgestiegen, 
Nicht gefallen von der Höhe, 
Die mein Finger dir gewiesen, 
Weil dem mächt'gen Willensriesen, 
Fehlte Mut zur kühnen Tat? 
Gleich umfängt uns Schuld und Strafe. 
(Ileich an Anspruch, Rang und Macht: 
Und wie gleich im Mutterschosse 
Schaut als gleiche uns die Nacht/ 

^Bewusstes" und „Unbewusstes", beide haben gleiche Schuld an den 
sündigen Taten; die wilden Triebe des ünterbewussten haben ihn 
angestachelt, aber Rustan ist nur gefallen, weil dem Bewusstsein der 
Mut fehlte, alle die verbrecherischen Befehle des Unbewussten zu voll- 
ziehen. Schliesslich will Rustan Zanga niederschlagen. Zanga ent- 
waffnet ihn und drängt ihn auf dieselbe Brücke, wo der Vater sich 
heruntergestürzt hatte. Rustan will sie nicht betreten. „Ich kann 
nicht, kann nicht!" ruft er aus und bedauert, das er den wilden Trieben 
der Brust gefolgt sei. „Dass ich jemals dir getraut!** Die Brücke, von 
der der Vater sich hinabgestürzt, bedarf einer besonderen Erwähnung. 
Es ist der uralte Menschheitstraum vom Werden und Vergehen, der 
uralte Mythos von der Geburt, die Leben und Tod zugleich bedeutet. 
Die Brücke, die ins Reich der Liebe führt, sie führt auch in das Reich 
des Todes. ^) Den Weg, den er zurückgelegt, als er das Licht der Welt 
erblickte, diesen soll er jetzt vor seinem Tode wieder betreten. Die 
Brücke, die nur einer das Recht hatte, zu wandeln: Sein Vater! Rustan 
fühlt das Fürchterliche seiner Situation. 

^0, mir schwindelt, o mir graut! 

Fahles Licht zuckt durch die Gegend, 

Fieher rasen im Gehirne, 

Und die schwankenden Gestalten. 

Nicht zu fassen, nicht zu halten. 

Drehen sich im Wirbeltanz. 

Feind, Versucher! Böser Engel! 

Wohin schwandst du? Bist so dunkel!" 

1) Vergleiche die hochinteressante Abhandlung von Otto Rank: „Der 
Mythus von der Geburt des Helden". Versuch einer psychologischen 
Mythen deutung. Schriften zur angewandten Seelenkunde. Nr. 5. Franz Deuticke 1909. 



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Dichtung und Neurose. 67 

Jetzt steht Zanga plötzlich in schwarzer Kleidung da. 
Seine Haare scheinen Kustan Seh langen zu sein. Auf dem 
Rücken bemerkt man schwarze Flügel und seine Füsse 
leuchten im düsteren Glänze. Es ist der Teufel, der vor Kustan 
steht und der ihn versucht hat. (Hier wird Zanga Mephisto.) Zanga 
macht sich über die Angstvorstellungen Kustans lustig: Die Schlangen 
wären Bänder, die schwarzen Flügel Falten, wie man sie hier zu Land 
trage. In diesem Moment erscheinen die Bewaffneten hinter Zangas 
Rücken. Rustan muss zur Brücke hinauf, da erscheint vor ihm — es 
kann ja niemand anderer sein — Gülnare und ruft ihm zu: „Halt! 
du Blutiger!'' und später: „Gib dich, gib dich!* Eine Rustan ähnliche 
Gestalt stürzt sich in den Strom. 

Der Traum ist zu Ende. Rustan erwacht. Zanga, der in Haus- 
tracht vor seinem Lager steht, staunt über sein wirres Gerede und 
bangt, er vräre von Sinnen. Es kommen Massud und Mirza, die Rustan 
in sehr bezeichneter Weise für den König und Gülnare hält. 
„Ha. der König und (lülnare? 
Nicht der König! War es möglich? 
Du scheinst Massud - Mirza, Mirza! 
Seid ihr tot, und bin ich's auch? 
Wie kam ich in diese Hütte? 
0, verschwende nicht dein Anschaun, 
Diese liebevollen Blicke 
An den Dunkeln, den (lefairnen ! 
Denn was mir die Liebe gibt, 
Zahl ich rück mit blut'gem Hasse. - 
Und doch nein, dich hass ich nicht! 
Nein, ich fühl's, dich nicht. — Und dich nicht. — 
Hass? 0, mit welch' warmem Regen 
Kommt mein InnVes mir entgegen? 
Hasse euch nicht ! Hasse niemand I 
Möchte aller Welt vergeben, 
Und mit Tränen, so wie ehmals 
In der Unschuld frommen Tagen, 
Fühl ich neu mein Aug sich tragen.* 
Rustan jubelt formlich darüber, dass er niemand hasst. Wir können 
diese Regung des Dichters verstehen, wenn wir an sein Geständnis 
der Selbstbiographie (Seite 15) denken. Er will es kaum glauben, dass 
Blut und Tod und Sieg und Schlacht nur ein Spiel seiner erregten 
Phantasie gewesen. Massud unterbricht ihn und sagt: 
^War vielleicht die dunkle Warnung 
Feiner unbekannten Macht, 
Der die Stunden sind wie Jahre 
Und das Jahr wie eine Nacht, 
Wollend, dass sich offenbare. 
Drohend sei. was du gedacht. 
Und die nun, enthüllt das Wahre, 
Nimmt die Drohung samt der Nacht. ^ 



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68 Wilhel m Stekel: Dichtung und Neurose. 

Der weise Massud erkennt, dass all die bösen Gedanken in der 
Brust des Träumers j?elebt haben. Denn er sagt es später noch aus- 
drücklich, als Rustan ihn fragt, ob er an seinem guten Willen, dazu- 
bleiben und Mirza heimzuführen, zweifle, der Traum erzeuge wohl keine 
bösen Gedanken. Aber er wecke die vorhandenen Wünsche, für die er 
ja ein Zeugnis habe. 

Doch was ist dem Glücke vergleichbar, das Rustan darüber 
empfindet, dass Alles — Alles nur ein Traum gewesen? Er jauchzt: 

^Sei gegrtlsst. du heil'ge Frühe, 

Ew'ge Sonne, sel'ges Heut! 

Wie dein Strahl das nächt'ge Dunkel 

Und der Nebel Schar zerstreut, 

Dringt er auch in diesen Busen, 

Siegend oh der Dunkelheit. 

Was verworren war, wird helle; 

Was geheim, ist's fürder nicht; 

Die Erleuchtung wird zur Wärme 

Und die Wäi-me, sie ist Licht/ 

Dank dir, Dank! dass jene Schrecken, 

Die die Hand mit Blut besäumt, 

Dass sie Warnung nur, nicht Wahrheit, 

Nicht geschehen, nur geti'äumt. 

Dass dein Strahl in seiner Klarheit, 

Du Erleuchterin der Welt. 

Nicht auf mich, den blutgen Frevler 

Nein, a u f m i c h , den Reinen, fällt. 

Breit es aus mit deinen Strahlen, 

Senk' es tief in jede Brust! 

Eines nur ist (ilück hienieden, 

Eins: des Innern stiller Frieden 

Und die schuldbefreite Brust! 

Und die (rrösse ist gefährlich 

Und der Ruhm ein leeres Spiel : 

Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, 

Was er nimmt, es ist soviel. 

Nun löst sich der Zwiespalt versöhnt in Frieden auf und auch der 
böse Teufel scheint von dem guten Geiste gebändigt zu sein, dem alten 
Derwische, der offenbar niemand anderer ist, als der Geist der Philosophie 
und Lebenserkenntnis, als die Weisheit der Brahmanen, die die Eitelkeit 
aller irdischen Wünsche gebührend gekennzeichnet haben : Zanga und der 
alte Derwisch gehen friedlich am Fenster vorüber; der Alte spielt die 
Harfe und Zanga bläst auf der Flöte dazu. Die bösen Triebe, die 
tierischen Urkräfte, sie sind gebändigt von der Macht der Erkenntnis. 

WodasmildeLichtder Wahrheitund Selbstbetrachtung 
hindringt, da haben die Nachtgespenster keinen Raum 
mehr. Die bösen Kräfte stellen sich dann in den Dienst 
des Guten. 



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IX. 

Aus wilden Triebkräften strömte dem Dichter jene Kraft, der wir 
dieses wundervolle Gedicht verdanken, das wie kein zweites auf der ganzen 
Welt uns die Schrecken und Konflikte der Neurose vor die Augen führt. 

Wir sehen aber aus dieser Analyse, die ich leider nur in gedrängter 
Form hier wiedergeben konnte, dass der Dichter zum eigenen Seelen- 
arzte wird, indem er sich alle seine verdrängten Gedanken in plastischer 
Form vor Augen führt, sie gewissennaüen ausleben lässt. Es fällt uns 
die Warnung ein, die Grillparzer in seinem Tagebuch der Selbst- 
biographie verzeichnet. „Möge jeder, der etwas Tüchtiges werden will, 
die unangenehmen Gedanken fortdenken, bis sie im Verstände eine 
Lösung finden!" Dass dies möglich ist, hat er in „Der Tz'aum, ein Leben** 
erwiesen. Er hat darin alle Konsequenzen des Vater- und Bruderhasses 
gezogen. Der Bruder ist erschlagen, der Vater vergiftet, die Mutter von 
ihm verraten. Doch was wäre sein Los gewesen, wenn er all dies voll- 
zogen hätte! Mit schrecklicher Ünerbittlichkeit steigern sich die Ver- 
brechen bis zum Momente, da Rustan vor Gii Inarens Blicken sich 
in den Abgrund stürzt. Aber er darf aus diesem Traume jauchzend 
und jubelnd erwachen in dem beseligenden Gefühle, rein dazustehen 
und den Fiampf mit den bösen Dämonen siegreich ausgefochten zu 
haben. Und wir verstehen den Ausspruch Hebbels: „Das böse Ger 
wissen des Menschen hat die Tragödie erfunden." 

Wir lernen aber aus diesem herrlichen W^erke, wieviel wir der 
Neurose des Dichters zu verdanken haben. Hätte Grillparzer seine 
Werke schatten können, wenn er ein fem von allen seelischen Konflikten 
dahinlebender, gesunder Mensch gewesen wäre? Nein und nimmer- 
mehr I Die ,, Ahnfrau-. ^Sappho", „Traum, ein Leben", „W^eh dem, der 
lügt" und alle anderen Werke, sie wären nicht geschrieben worden, hätten 
nicht die dräuenden Gewalten des ünbewussten nach Entladung verlangt, 
hätte ihn nicht die Neurose dazu gedrängt, die Erregungen durch 
^Sublimierung" abzureagieren. 

Was für dieses Dichterwerk gilt, das Hesse sich bald spielend leicht, 
bald jedoch nur nach mühseligen Studien an allen anderen Werken 
nachweisen. Wahrlich, Heine hat recht, wenn er die Dichtung der 



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70 Wilhelm Stekel: 

Perle vergleicht, deren Ursache eine Krankheit ist. Auch wir ver- 
danken alle Schönheit, die die Künstler der Welt geschaffen 
haben, nur dem Umstände, dass sie krank gewesen, nicht 
krank im Sinne der Lombroso, da^s ihnen nur die Wahl zwischen 
dem irrenhause und der Walhalla geblieben, nicht entartet im Sinne 
der Nord au, dass sie die Sünden ihrer Väter büssend die verfeinerten 
Nerven und verfeinerten Ohren von krankhaften Schaffenstrieben besässen. 
Nein, sie sind Menschen, wie wir alle, nervöse Menschen, die an der 
Unwahrheit einer Zeit erkrankt sind, zwischen deren ethischen Forderungen 
und deren somatischen Grundlagen ein fast unüberbrückbarer Abgrund 
gähnt. Wenn diese Brücke einst geschlagen werden sollte, wenn die Wünsche 
nicht das Filter des Gewissens passieren müssen, ehe sie zur Erfüllung 
werden, dann wird der letzte Dichter gewesen sein. Ob diese Zeit je kommen 
wird? Ich glaube es nicht. Eher wird sich die Kluft noch dehnen, die 
den ethischen Kulturmenschen von dem wilden Urtier trennt. Dass wir 
beide in der Brust tragen müssen, den aufstrebenden Kulturmenschen 
und das ewig wühlende wilde Tier, dass wir den einen oder das andere 
opfern müssen, um unseren Seelenfrieden zu erlangen, oder dass wir 
feige Kompromisse schliessen müssen, schmähliche Waffenstillstände für 
kürzere oder längere Zeit, das macht die geheimste Ursache aller Neu- 
rosen aus. Und eben die Dichter sind es, die diesen Kampf zwischen 
einst und jetzt, die dieses Durcheinanderwogen von Himmel und Hölle 
am intensivsten empfinden, weil sie sowohl nach oben wie nach unten 
die Extreme der Menschheit darstellen. Urkräftig in ihren Trieben, mit 
überquellendem Sexualleben ausgestattet, mit einer Leidenschaftlichkeit 
des Begehrens, die über das Normale weit hinausgeht und mit einer 
Feinheit des Gewissens, mit einer Zartheit der Empfindungen, die das 
Höchste anstreben, sind sie Kämpfer und Dulder für die Menschheit und 
zahlen mit ihrem Unglück das Glück der anderen. 

Jeder Neurotiker ist ein Dichter und lebt in einer geträumten 
Welt. „Mein Leben ist ein Träumen," sagt Grill parzer „und zwar 
nicht nach jenem griechischen Spruche das eines Wachenden, sondern 
in der Tat eines, der schläft.**^) Wir modernen Seelenärzte haben die 



1) „Heute ist etwas Wunderliches geschehen: ich habe im (lehen geträumt. Ich 
war früh aufgestanden, hatte Wasser aus dem Sauerbrunnen getrunken, gebadet, 
darauf wieder einen Becher Wasser getrunken und ging im (larten spazieren. Da 
kam ich auf einmal in einen bisher unbetretenen Theil desselben. Er war so schön» 
die Baumpai-tien so reizend, dass ich mich nicht genug wundern konnte, ihn früher 
nie bemerkt zu haben. Nur waren leider keine Bänke da, indess alles mich einlud 
mich niederzulassen. Meine Aufgabe war noch, einen Becher Wasser zu trinken, 
ich kehrte daher um, mit dem festen Vorsatze, den Platz gleich nach dem Trinken 
wieder aufzusuchen. Es geschah, ich hatte mir den Weg durch eine früher oft be- 
tretene kurze Allee von kleinen Bäumen gemerkt, die (iartenpartie war aber nicht 
mehr aufzufinden, denn — sie hatte nie existiert. Dass nun dieser Traum — denn 



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Dichtung und Neurose. 71 

Aufgabe, die Traumgestalten der Kranken ihrer symbolischen Bedeutung 
zu entkleiden, sie aus dem wunderlichen Traume zu erwecken, ihr ge- 
heimes Triebleben aufzudecken und sie mit sicherer Hand in die Wirklich- 
keit des Lebens zurückzuführen. Wir müssen die Zusammenhänge zwischen 
Verdrängung und Krankheit klar machen, bis sie verwundert das Auge auf- 
machen und gleich dem Träumer Kustan die drei Schläge der ühr wahr- 
nehmen. Dabei merken wir, dass eigentlich jeder Neurotiker ein Dichter ist, 
dass er aber nicht imstande ist, den Weg aus der Dichtung ins Leben zurück- 
zufinden. Und Dichter gibt es darunter, die nie eine Zeile geschrieben 
und der Welt übergeben haben und doch die wunderbarsten Dinge er- 
zählen könnten. Aber es fehlt ihnen offenbar die Gabe, all das, was sie 
bedrängt, in Worte zu fassen und sich wie ein Vulkan durch Eruption 
von einer glühenden Lavamasse zu befreien. Hier liegt das Rätsel des 
Dichters verborgen. Woher stammt jene dunkle Kraft, die dem einen 
die Zunge löst und ihm ermöglicht, aus seinem Schmerze Kunstwerke 
zu schaffen? Welche Mischung von Verdrängung und Selbsterkenntnis, 
von Erotik und Keuschheit, von Religion und Atheismus, von Gehorsam 
und Empörung muss vorhanden sein, dass aus dem leidenden ein 
schaffender Mensch wird? Noch ist uns die tiefste Erkenntnis über 
diesen Zusammenhang verschlossen. Uns dämmern blos einige Wahr- 
heiten Wir wissen, dass die Schöpferkraft der Phantasie die 

Grundlage alles Schaffens ist. Es ist dieselbe Phantasie, die den Kindern 
eigen ist und die der Neurotische besitzen muss, weil er ja auf dem 
infantilen Standpunkt stehen bleibt. Der Dichter ist und bleibt ewig 
ein Kind. Auch müssen besondere Bedingungen zusammentreffen, um 
die rastlos arbeitende Phantasie in Formen zu pressen. Die Neurose 
darf nicht jenen Grad erreichen, der die Arbeitsfreudigkeit des Indivi- 
duums unterbindet. Die Kraft des Schaffenden darf sich nicht in den 
seelischen Innenkämpfen vollkommen aufreiben. 

Von den sogenannten „perversen** Trieben stammt jene wilde 
Kraft, mit der die grössten Werke geschaffen werden. Diese kultur- 
feindlichen Triebe werden sublimiert und so in den Dienst der Kultur 
gestellt. Sie sind tatsächlich ein Teil jener Kraft, die das Böse will 
und das Gute schafft. 

Namentlich ein Trieb ist es, der mir als die unerlässliche, 
wichtigste Grundlage künstlerischer Produktion erscheint. Es ist 
dies der Exhibitionismus — die Freude an der Entblössung, jener 
urgewaltige übermächtige Trie)>, der sich stets mit der Freude an der 
Entblössung des andern, mit der Lust des Schauens paart. Was machen 

für das muss ich es halten, im Gehen sich ergab, ist das Wunderliche. Sonst 
ist mir eine Art Träumen oder Entstehen von unwillkürlichen Bildern, besonders 
Abends, vom Lesen ermüdet nicht« Seltenes; aber im Gehen und mit dieser die 
Wirklichkeit lügenden Stärke ist es mir noch nie vorgekommen/ 



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72 Wilhelm Stekel: 

die Dichter anderes, als sich und andere entkleiden? Als sich und 
andere schauen? Dichtung ist psychischer Exhibitionismus 

Wieder muss ich meinen vielzitierten Grillparzer als Zeugen auf- 
rufen. Ein kleines Gedichtchen „Paganini** betitelt: 

,Du wärst ein Mörder nicht? Selbstmörder dul 

Was öffnest du des Busens stilles Haus 

Und stösst sie aus, die unverhüllte »Seele 

Und wirfst sie hin, den Gaffern eine Lust? 

Stösst mit dem Dolch nach ihr und triffst; 

Und klagst und weinst, 

Und zählst mit Tränen ihre blut'gen Tropfen? 

Dann aber höhnst du sie und dich, 

Brichst spottend aus in gellendes Gelächter! 

Du wärst kein Mörder? Frevler du am Ich, 

Des eignen Leibs, der eignen Seele Mörder!- 

Und auch der meine — doch ich weich dir aus!" 

Wir wissen es besser! Wir haben gesehen, dass auch der Dichter 
seine „unverhüllte Seele*' auf den Markt führt, wo sie barfüssig, zitternd, 
meist erst verlacht und bis sie eine „tote Seele" geworden, bewundert 
wird. Grillparzer mag dem Paganini ausweichen wollen. Das 
Spiel in seiner Brust kann er doch nicht zum Schweigen bringen. „Und 
schaudernd seh' ich's, entsetzenbetört, — wie mein eigenes Selbst gen 
mich sich empört" — singt er an einer andern Stelle. Er mag den 
besten Willen haben, die Seele gefangen zu halten. Vorsatz und Wille 
werden zunichte, wenn die grosse schöpferische Stunde naht. Da fallen 
die Hüllen und in keuscher, leuchtender Nacktheit entsteht das Kunstwerk. 

Sind wir dadurch in der Erkenntnis weiter gekommen ? Wir haben 
nur eine kleine Einsicht gewonnen : dass die Krankheit eine wesentliche 
Grundlage alles Fortschrittes ist. Nicht nur die Dichter — nein auch 
alle andern Künstler, alle Propheten, Philosophen, Erfinder sind Neu- 
rotiker. Die Neurose ist die Quelle alles Fortschrittes. Die Neurose 
entsteht durch den Konflikt zwischen Natur und Kultur und schafift 
aus sich heraus, selbstherrlich neue Kulturwerte und verbreitert die Kluft, 
die sich zwischen Natur nnd Kultur dehnt. Sie wird selbst zur Natur. 

Krankheit und Gesundheit sind keine Gegensätze. Sie bedingen 
einander organisch und fliessen ineinander durch tausend Übergänge. 

Eine Welt ohne Hysterie wäre ein trauriges Jammertal. Krankheit 
und Gesundheit gehören zu einander, wie Lust und Schmerz, eine die 
andere bedingend und ergänzend — und die Neurose ist die Blüte am 
Baume der Entwicklung. Die Blüten für die faulen Früchte verant- 
wortlich zu machen, würde doch keinem vernünftigen Menschen ein- 
fallen. Die Natur zahlt überall den Fortschritt mit zahllosen Opfern. 
Damit e i n schafl^endes, zerstörendes, aufbauendes Genie entstehen kann, 



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Diclitung und Neurose. 73 

müssen tausend nutzlose Opfer, müssen zahllose Neurotiker, die miss- 
lungenen Probestücke eines gelungenen Meisterstückes in Brüche gehen. 

Warum das eine Meisterstück aus tausenden gelungen ist? Wer 
könnte diese Frage zu lösen sich erkühnen? 

Das ist die Tragödie des Forschers! Glaubt er ein Rätsel gelöst 
zu haben, ist er mit Harken und Schaufeln mühsam in einen finstern, 
unbekannten Schacht vorgedrungen, so türmen sich ihm zahllose 
neue zu einem undurchdringlichen Walle, so dass er es vorzieht eine 
Weile das weitere Graben aufzugeben und das kleine Stück Erkenntnis 
festzuhalten, das ihm gleich einem rettenden Lichte aus dem dunklen 
unterirdischen Schachte entgegenleuchtet. 



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